Analyse

Gymnasium ist ein guter Weg

Schüler in der Nordwestschweiz dürfen ihr Gymnasium frei wählen (Symbolbild)

Im internationalen Vergleich hat die Schweiz immer noch eine tiefe gymnasiale Maturitätsquote. (Symbolbild)

Schüler in der Nordwestschweiz dürfen ihr Gymnasium frei wählen (Symbolbild)

1995 wurde in der Schweiz die Maturitätsbildung grundlegen reformiert. Hans Fahrländer zum Jubiläum «20 Jahre Maturitäts-Anerkennungs-Reglement Mar 95».

Im Jahr 1995 beschlossen die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der Bund, die schweizerische Maturitätsausbildung von Grund auf zu reformieren. Entstanden ist ein neues Maturitäts-Anerkennungs-Reglement (MAR 95). Mit ihm wurde das alte Gymnasium mit den Maturitäts-Typen ersetzt durch ein System mit Grundlagen-, Schwerpunkt- und Ergänzungsfächern. Die Angleichung der kantonalen Systeme war damals offenbar noch einfacher als heute. Allerdings liess auch das MAR 95 Platz für den Föderalismus: In der Umsetzung blieb den Kantonen recht viel Spielraum für eigene Spezialitäten.

Im bisherigen Jahresverlauf hielten sich die Festivitäten zum 20-Jahr-Jubiläum des MAR 95 in engen Grenzen. Mag denn niemand jubeln? Nun, Jubeln ist vielleicht nicht gerade angezeigt – aber schämen muss sich auch niemand. Die Reform von 1995 hat das Gymnasium insgesamt auf eine gute Basis gestellt. Vielleicht ist die vornehme Zurückhaltung symptomatisch? Das Gymnasium befindet sich ja eher in der Defensive. Die Schweiz, angeführt vom Bildungsminister und seinem Staatssekretär, spricht zurzeit fast nur von der Berufsbildung, warnt vor ihrer Schwächung und einer drohenden «Verakademisierung»; diese führe nur zu einem Berg von «arbeitslosen Studierten» – ein Befund, der im Realitätstest indes nicht Bestand hat, denn der Schweiz fehlen Akademiker. Mitunter hat man das Gefühl, wer heute eine gymnasiale Laufbahn anstrebe, müsse sich fast rechtfertigen.

Zusammenhang zwischen Maturitätsquote und Leistungsniveau

Einige Bestimmungen des MAR 95, die sich in der Praxis nicht bewährt haben, wurden 2007 wieder rückgängig gemacht. In einer gross angelegten Evaluation (Evamar II) wurde der Ausbildungsstand der Maturandinnen und Maturanden in Erstsprache, Mathematik und Biologie als zufriedenstellend beurteilt. Das ist allerdings auch schon wieder ein paar Jahre her. Und: Es offenbarten sich grosse Leistungsunterschiede, zwischen Studierenden, zwischen Klassen und auch zwischen Gymnasien. Es stellte sich heraus, dass das Leistungsgefälle in Kantonen mit einer hohen Maturquote besonders gross ist. Offenkundig setzen Kantone, die in einer hohen Quote einen Prestige- und Standortfaktor sehen, die Eintrittshürden (zu) tief an, womit auch ungeeignete junge Menschen in die Gymnasien geschaufelt werden.

Stefan Wolter, Verfasser des Bildungsberichts 2014 und Leiter der Koordinationsstelle für Bildungsforschung, hat in einer neuen Studie festgestellt, dass die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch eine tiefe gymnasiale Maturitätsquote aufweist; die NZZ hat der Studie in ihrer gestrigen Ausgabe einen längeren Beitrag gewidmet. Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind allerdings beträchtlich. Die Quote in Basel (30,5) ist mehr als doppelt so hoch wie jene in St. Gallen (14,2). Baselland (22) liegt leicht über dem Landesdurchschnitt von 20,2 Prozent, Zürich (18,7) Aargau (16,9) und Solothurn (15,6) liegen darunter. Wolter hat für seine Arbeit auch 6000 Schweizerinnen und Schweizer befragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass eine Mehrheit von 54,3 Prozent der Meinung ist, die Maturitätsquote in ihrem Kanton sei zu hoch. 40 Prozent halten die Quote für richtig, 6 Prozent für zu tief. Satte 86,6 Prozent finden, mit einer landesweit einheitlichen Maturität könnte ihre Qualität gesteigert werden. Der Forscher schliesst sich dieser Mehrheit an: «Wir sollten wegen der Qualität Richtung Zentralmatura gehen», wird Wolter in der NZZ zitiert. Damit sticht er natürlich in ein föderalistisches Wespennest.

Die richtige Quote liegt wohl bei rund 20 Prozent

Das 20-Jahr-Jubiläum könnte zum Anlass genommen werden, um das Gymnasium wieder einmal gründlich auf den Prüfstand zu stellen (der Aargau will dies mit zwei Veranstaltungen im kommenden Winter tun). Wichtig scheint vor allem, dass das Schlechtreden (neudeutsch: Bashing) des Gymnasiums aufhört. Unser rohstoffarmes Land dürstet nach jungen Menschen mit einer akademischen Bildung. Diese Erkenntnis richtet sich nicht gegen die Berufsbildung, diese wird ohnehin stets die grosse Mehrheit haben. Und wo liegt jetzt die «richtige» Maturquote? Vermutlich ungefähr beim Landesdurchschnitt von 20 Prozent. Spitzenkantone müssten eine etwas höhere Eintrittshürde ins Gymnasium diskutieren. Wohingegen es in darunterliegenden Kantonen durchaus noch Luft nach oben hat.

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