Informatik

Freiheit wird technologisch

Eine Gesellschaft, die bewusstlos den Spezialisten überlässt, was sie steuert, gibt ihre Souveränität auf. (Symbolbild)

Eine Gesellschaft, die bewusstlos den Spezialisten überlässt, was sie steuert, gibt ihre Souveränität auf. (Symbolbild)

Informatik durchdringt unser Leben. Wenn wir nicht zu Sklaven der Technologie werden wollen, braucht sie einen Stellenwert in unserer Bildung.

«USA liefern Geheimcode für Schweizer Armee», stand in dieser Zeitung. Bordcomputer der F/A-18 werden alle paar Jahre in den USA neu programmiert, Schweizer Personal hat keinen Einblick. Dito Amraam, unsere wirkungsvollste Lenkwaffe. Ob und wie sie eingesetzt wird, entscheiden letztlich Amerikaner. «Abhängig bis ins Detail», schrieb Stefan Schmid über seinen Kommentar.

Das gehört ins nationale Stammhirn eingeschrieben. «Unabhängigkeit» und «Freiheit», die grossen CH-Klassiker, geraten zunehmend in einen Horssol-Modus, seit im Soussol des 21. Jahrhunderts Technologie über Abhängigkeit und Unabhängigkeit bestimmt, unmerklich und raffiniert. Die Macht rutscht in die Algorithmen bzw. zu denen, die sie schreiben. Sodass am Ende nicht einmal mehr unsere neutralen Waffen unserem Befehl gehorchen. Was gehorcht überhaupt noch uns selbst? Hab ich eine Ahnung, nach welchem Programm mein Navi mich lotst? Kennen Sie Ihr Datenprofil, mit dem Google Geschäfte macht? Wissen Sie, wie die Partner-Börse Tinder tickt? Weiss mein Bankberater, was in seiner Börsen-Software abgeht? Wer reguliert die Kommentare auf Facebook?

Informatik ist genau genommen keine Technik, sie steuert Technik

Falls wir mit der Freiheit wieder auf den Boden wollen, müssen wir uns mit Informatik beschäftigen. Schon in Grundschulen. Ich weiss, was jetzt kommt: Soll denn jeder Zehnjährige zum Programmierer abgerichtet werden?! Reflexartig sind viele gegen Technik in der Schule, gegen Forderungen «der Wirtschaft» an Bildung. Sie hätten recht, wäre Informatik eine Technik wie Betonmischen oder Hüftgelenke ersetzen. Beides fraglos wichtig – ohne dass alle es lernen müssen. Informatik ist keine solche Technik, genau genommen gar keine Technik, sie steuert Technik, ist eine Wissenschaft, sie ist die kreative Einstellung zu einer Welt, die so komplex geworden ist, dass wir mit Rechnen nicht mehr durchkommen. Also lassen wir Computer rechnen – nach unseren Programmen. Das hat sich in kurzer Zeit durchgesetzt, durchdringt unser Leben, regelt unseren Alltag, steuert Wirtschaft und Konsum, lenkt die globale Kommunikation.

Wir haben nun die Wahl. Entweder wir lassen uns lenken durch Programme, die uns ewig schleierhaft bleiben; dann «bedienen» wir Smartphone und Smart Home, leben in der 2.0-Welt wie der Hanswurst der Algorithmen, die irgendwo im Silicon Valley ausgeheckt werden. Oder wir lernen kennen, was uns lenkt, und wir probieren mal selber ein Programm zu schreiben, nach dem wir dann leben. Schmeckt nach Alternative: Unmündigkeit oder Selbstbestimmung.

Der Mensch denkt und Gott lenkt, sagten unsere Vorfahren – und rückten Religion folgerichtig ins Zentrum ihrer Bildung. Heute gilt: Der Computer denkt und der Algorithmus lenkt. Wären wir so konsequent wie unsere Vorfahren, gäben wir der Informatik sofort einen zentralen Platz in der Bildung. Nicht nur, um mehr Informatiker zu rekrutieren, sondern hauptsächlich, um uns auf das einzulassen, was uns lenkt. Denn eine Gesellschaft, die bewusstlos den Spezialisten überlässt, was sie steuert, gibt ihre Souveränität auf.

Siehe oben: Unabhängigkeit wird technologisch.

Bei kreativer IT schaut etwas heraus, ein Werk, eine Lösung

Falls jemand befürchtet, Informatik könnte die Kultur aus der Bildung vertreiben: Informatik ist Kultur. Erfindungskunst. Jedenfalls eine Art Kunst. Nicht unähnlich dem Schachspiel, auch da gibt es zum Rechnen zu viele Varianten. Darum vergleicht man Schachgrossmeister schon mal mit Mozart, sie brauchen Fantasie, Intuition, Tagträume. Wo die Lage zu komplex ist für saubere Analytik, kommt der alte Geistesblitz wieder zum Zuge; die zündende Idee stellt sich intuitiv ein, man kann sie nicht stur lehren und lernen, doch üben lässt sich sogar Intuition. Informatik ist Training in Kreativität. Kreativität wird heute einseitig «kulturell» gefördert: Spuck was aus, greif zum Pinsel, tanz über den Friedhof, schreib dein Leben neu. Alles prima. Ausdruckslust, Kreativität als Expression. Der Akt genügt sich selbst, das Produkt ist nicht so wichtig. Bei kreativer IT schaut auch noch etwas heraus, ein Werk, eine Lösung, eine lebenserleichternde Erfindung. Zum Beispiel ein künstliches Auge für Blinde. Gibt es bereits. Bitte was Neues.


Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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