Das am meisten Erstaunende vorweg: Es scheint mehr und triftigere Gründe zu geben, den Fleischkonsum zu meiden als umgekehrt. Lehrt uns die Vernunft nicht sogar, kein Fleisch zu essen?

Wider Erwarten hat die Tatsache, dass es so viele und immer wieder Fleischskandale gibt, damit gar nichts zu tun. Diese Skandale rühren daher, dass Fleisch nicht gleich Fleisch ist, und nicht, weil Fleisch Fleisch ist. Oder konkreter: Die Skandale gibt es, weil beim Fleisch geschummelt wird, und nicht, weil jemandem Fleisch anstelle von Soja-Tofu untergejubelt worden wäre. Die Ursache ist ganz einfach die, dass es sehr schwierig ist, teures Fleisch vom billigeren zuverlässig zu unterscheiden. Und weil das die meisten Leute nicht so gut können, ist die Versuchung gross, es hier mit den Etiketten nicht so genau zu nehmen. Eigentlich müsste man erwarten, dass es bei anderen, ähnlich gelagerten Produkten ebenso zugeht. Beim Wein zum Beispiel, warum gibts hier nicht so viele Skandale?

Ist denn die Achtung vor dem Leben kein Vernunftgebot?

Warum sollte uns die Vernunft den Fleischgenuss vermiesen wollen? Eigentlich liegt der Fall klar, aber es ist trotzdem nicht einfach auszudrücken. Die Vernunft sei «das Vermögen der Ideen», lehrte Kant wenigstens sinngemäss. Sie lehrt uns also alle die Dinge, die eigentlich zu gross sind für unser kleines Selbst: Freiheit, Unsterblichkeit, Gott; Begriffe, die uns eigentlich unbegreiflich vorkommen (müssen), ohne die wir aber nur schwer all das, was da um uns ist, in einen Zusammenhang bringen können. Wenn wir wissen wollen, wer wir sind (oder ich bin), dürfen wir nicht beim Selbst anfangen, sondern bei dem, was es umfängt, worin es seinen «Sinn» findet. (Ich sagte schon, dass es nicht leicht zu erklären ist.)

«Sinn» ist nun schlechthin etwas, «worauf zu» man strebt. Nennen wir es unser Besseres. Wenn uns das Selbst sagt: «Tu das, schlag zu, nimm, zertritt, der Schnellere ist der Geschwindere und so weiter»; dann kommt die Vernunft und sagt: «Halt, überleg doch mal!» Und dann kommt ein Satz in der Form: «Wenn alle das tun würden, dann ...» – und dann ist klar, dass es so eigentlich nicht sein kann. Und jetzt lassen wir Kant beiseite, der noch überzeugt war, dass «Neger» und «Sklave» nicht so weit auseinanderliegen, und erkennen an, dass das Tier nicht nur ein empfindendes und leidensfähiges Wesen ist, sondern dass es uns ziemlich schwerfällt, dem Tier ein Anderssein zuzusprechen, das so anders ist, dass dabei auch inbegriffen ist, dass wir es fressen dürfen. Kannibalismus ist – da ist sich die zivilisierte Menschheit einig – unter keinem Titel zu rechtfertigen, und das Verzehren von Tieren liegt nicht weit weg. Die Vernunft sagt uns, dass wir das Tier respektieren müssen oder verlangt von uns – in der Formulierung von Albert Schweitzer – «Achtung vor dem Leben, das leben will».

Auch Tiere ohne Reisszähne dürfen andere Tiere fressen

Das ist ein extrem philosophischer Standpunkt und deshalb auch ein extrem unpraktischer. Auch das sagte ich schon: Dass es so viele und überzeugende Gründe gibt, kein Fleisch zu essen, ist überraschend. Denn der natürliche Zugang zum Fleischproblem ist der, dass man essen muss, um zu überleben. Und wenn Fleisch da ist, dann isst man Fleisch. Man kann auch auf die Ökologie der Natur verweisen, dass es Fleischfresser geben muss, damit auch die Pflanzenwelt gedeihen kann. Oder einfach und geradeheraus: Dass Fleisch gegessen wird, ist der natürliche Gang der Dinge. Gegenargumente, dass wir – ohne Eck-, Reiss-, Fang- und andere gefährlichen Zähne und als Jäger eigentlich untauglich – keine natürlichen Karnivoren seien, taugen nichts. Denn wir sind auch keine geborenen Autofahrer oder Computerbediener, sondern geborene Kulturwesen und dürfen alles.

Auf die Idee, nur noch ausgewählte Dinge essen zu wollen, kommt man nicht immer, sondern nur in Zeiten des Überflusses und des Luxus. Das heisst keineswegs, dass man sich nicht entschliessen darf, sich vegetarisch oder vegan oder überhaupt nicht mehr zu ernähren. Das ist alles eine Frage der persönlichen Freiheit und deshalb zu akzeptieren. Aber solche Entscheidungen sind nicht allein schon deshalb etwas Edles und erheben den Veganer an sich über den Rest der Menschheit. Er sollte dem Jäger der Urzeit dankbar sein, dass er überhaupt in die Situation gelangt ist, sich so entscheiden zu können.