Die IS-Gräuel und der Eroberungskrieg der Terroristen – etwa der Kampf um Kobane – hat die aussenpolitische Berichterstattung beherrscht. Die menschliche Tragödie dagegen nimmt man hier erschreckend distanziert zur Kenntnis. Diese Woche fand in Genf eine Konferenz des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge statt. Vertreter westlicher Staaten zeigten sich über das Schicksal der über 3,2 Millionen syrischen Flüchtlinge und der 6,5 Millionen Vertriebenen in Syrien tief betroffen. Doch Taten blieben aus.

Darf man angesichts dieser Katastrophe den Blick auf die Probleme der Kultur in der umkämpften Region richten? Man muss. Denn im Nordosten Syriens und im Norden des Iraks droht der kulturelle Kollaps. Das ist umso bedenklicher, als hier – im antiken Mesopotamien – die ältesten Hochkulturen der Menschheit angesiedelt sind. Assyrer, Babylonier und Sumerer schufen bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. Kunst- und Bauwerke, die zum wichtigsten Kulturerbe der Menschheit gehören. Sie gründeten mit Ninive, Ur, Uruk oder Babylon die ersten Städte der Antike. Sie erfanden das Rad und die Keilschrift, die als älteste Schrift der Menschheit gilt.

Der IS finanziert seine Gräueltaten auch durch Raubkunst

Die Terror-Kämpfer des IS zerstören, was nicht in ihr strenges ideologisches Schema passt: nicht nur christliche Klöster, sondern auch Moscheen von Schiiten, Grabbauten sufischer Heiliger und antike Stätten. Effekthascherisch werden Bilder ins Internet gestellt. Laut Berichten der Unesco und von Archäologen zerstört der IS nicht nur, sondern verkauft Antiken ins Ausland, um seinen Kampf zu finanzieren.

Die Gunst des Krieges nutzen auch kleine Gangster und international tätige mafiöse Organisationen. Sie plündern die antiken Stätten, räumen Museen aus, Satellitenbilder belegen illegal ausgegrabene Siedlungshügel. Dass mit Raubgrabungen nicht nur einzelne Objekte gestohlen werden, sondern ganze Fundstellen unkenntlich gemacht und für die Forschung wertlos werden, kümmert die Räuber nicht. Was soll man Fundamente oder Siedlungsschichten schützen, wenn man doch eine geflügelte Statue, ein Stück Mosaikboden rausschneiden kann, für die man schnelles Geld bekommt?

Ein generelles Handelsverbot mit Antiken ist keine Lösung 

Man soll doch Erbarmen haben mit den armen Bewohnern, die etwas Kunst vertreiben, um Essen kaufen zu können, sagte Nationalrat Oskar Freysinger in der Nationalratsdebatte und stimmte gegen das Syrien-Embargo. Trotzdem, der Nationalrat stimmte – Jahre nach der EU – endlich einem Embargo zu, das die illegale Einfuhr von Antiken verhindern soll.

Mesopotamische Antiken werden via Syrien, Jordanien, Libanon und die Türkei in alle Welt verhökert. Unser Wissen darüber hat mehr Lücken als Fakten. Undercover-Journalisten berichten von Händlerringen, Archäologen wissen von Einzelfällen. Bei Interpol gibt es lange Listen mit gestohlenen Antiken aus Afghanistan und Irak (nach dem Irak-Krieg angelegt), aus Syrien sind lediglich einige Mosaike aufgeführt. Am Schweizer Zoll hat man keine illegalen Einfuhren aus Syrien registriert.

Doch was private Sammler oder Gelegenheitskäufer so alles mitnehmen, fällt wohl kam auf. Tonfigürchen, Schrifttäfelchen oder auch ein kleiner Kopf können relativ leicht geschmuggelt werden. Wie hübsch ist es doch, ein «echtes tausendjähriges Stück» zu Hause zu haben, das einem günstig in den Ferien in der Türkei oder im Libanon angeboten wurde. Oder in Kambodscha, Afrika, Griechenland ... Finger weg, kann man nur raten. Das ist meist illegal. Kommt dazu, dass der Handel mit Kunst – gemeint sind dabei nicht nur Antiken – nach dem Waffenhandel und dem Drogendeal als weltweit grösster Kanal für Geldwäsche gilt.

Bereits fordern Stimmen ein generelles, weltweites Verbot für den Handel mit Antiken. Das ginge wohl zu weit. Aber fordern kann und muss man Gesetze, Kontrollen, die Einhaltung internationaler Abkommen, Strafen. Wenn die illegalen Händler keine Abnehmer im Westen oder in den reichen arabischen Ländern finden, werden sie das Geschäft mangels Rendite aufgeben. Und immerhin: Die Schweiz gilt seit Einführung des Kulturgütertransfer-Gesetzes 2005 als weniger attraktiv für den Antikenhandel.