Noch drehen sich die Debatten in erster Linie darum, ob man sein Shampoo nun in Konstanz kaufen darf. Oder wann der Zeitpunkt günstig ist für eine neue Waschmaschine. Nationalbank und Politik hoffen derweil auf ein Einpendeln des Euro bei Fr. 1.10 – setzen mithin auf Zweckoptimismus. Denn Tatsache ist: Der Euro könnte ab übermorgen Donnerstag zur Lira 2.0 werden, dann nämlich, wenn die Zentralbanken der Euroländer frank und frei Staatsanleihen kaufen dürfen. Das wird den Druck auf den Franken zumindest nicht lindern. Auch wird der Ölpreis nicht für ewig auf dem aktuellen supertiefen Niveau verharren. Im Laufe des Jahres dürfte es mit diesem konjunkturellen Schmiermittel ein Ende haben und ein Teuerungsschub die Wirtschaft zusätzlich belasten.

Der frühere Bundesrat Pascal Couchepin liebte es zu orakeln. Schon vor zehn Jahren formulierte er die Prognose: Eines Tages trete die Schweiz der EU bei, es müsse nur der bilaterale Weg gehörig ins Stocken geraten und gleichzeitig die Wirtschaft ins Stottern. Was in der Zwischenzeit passiert ist, auch wenn dies gern vergessen wird: Bis vor kurzem wurde die Politik unseres Landes dem Bankgeheimnis untergeordnet. Das Bankgeheimnis war nachgerade das wichtigste Motiv, warum sich die Schweiz von der EU so fern wie nur möglich hielt. Von dieser ursprünglichen Logik her betrachtet, ist mit der für 2017 geplanten Einführung des Automatischen Informationsaustausches eines der zentralen Argumente gegen einen EU-Beitritt vom Tisch. Und sollte die Schweiz effektiv für längere Zeit zuschauen müssen, wie die deutsche Wirtschaft aus der Frankenstärke Kapital schlägt, während die hiesiegen Firmen darben – dann wird die Europa-Debatte im Couchepinschen Sinne womöglich doch noch geführt werden.

Gewiss: Der starke Franken zeugt vom Vertrauen der Finanzwelt in unsere Währung. Bloss bringt uns dieses Vertrauen längst nicht mehr so viel wie zu jenen Zeiten, als das Bankgeheimnis das Geld aus dem Ausland noch wirklich hierher spülte — und für derart satte Gewinne sorgte, dass die Schweiz als eine Art Gross-Monaco mit angehängtem Alpenpark funktionierte. Heute muss sich der politische Fokus stärker denn je auf die Bedürfnisse der exportierenden Realwirtschaft richten: Wo sind deren Abnehmer, wie bleiben sie konkurrenzfähig punkto Leistung, punkto Preis?

Natürlich ist eine Lira 2.0 das genaue Gegenteil einer attraktiven Währung, und das Aufgeben des Schweizer Frankens für den Moment das Unvorstellbarste von der Welt. Wahr ist aber auch: Der Preis der schweizerischen Unabhängigkeit in der globalisierten Welt ist enorm. Und er steigt stetig. In diesem Sinn steht der aktuelle Franken-Schock unmittelbar in einer Reihe mit dem Ende des Bankgeheimnisses: Beides zeugt von der wachsenden Schwierigkeit, unsere Autonomie gegenüber dem Ausland zu behaupten.

Geht man davon aus, dass die Schweiz letzten Donnerstag tatsächlich einen weiteren Schritt in einer unvermeidlichen Entwicklung hin zu einem ganz normalen europäischen Staat gemacht hat – so stellt sich die Frage: Wohin wird dieser Normalisierungsprozess langfristig führen? Selbstredend ist es für Antworten fünf Tage nach Aufgabe des Mindestkurses zu früh. Zum jetzigen Zeitpunkt muss die Zuversicht im Vordergrund stehen, dass sich unsere Wirtschaft dank ihrer Innovationskraft und Flexibilität einmal mehr am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf wird ziehen können. Ob ihr das am Ende gelingt oder nicht, sicher ist: Der vergangene 15. Januar ist mehr als der Tag, da das Shampoo günstiger wurde.