Es wird vermutlich nur noch wenige Tage dauern, bis die von IS-Terroristen eingekesselte Stadt Kobane endgültig gefallen ist. Für das drohende Massaker machen die Kurden jetzt schon die Türkei verantwortlich. Tatsächlich: Ankara hätte die Einnahme von Kobane verhindern können. Die Kanonen der türkischen Panzer blieben jedoch stumm.

Für Millionen von Kurden in aller Welt ist die türkische Passivität Verrat. Sie sehen Erdogan in einem Boot mit den Dschihadisten. Wutentbrannt gehen die Kurden in Istanbul auf die Strassen. Und für die PKK ist der Friedensprozess endgültig beendet. Doch für eine türkische Kehrtwende ist es jetzt wohl zu spät. Erdogan muss mit dem Zorn der Kurden vorläufig leben. Gedanken über den zukünftigen Umgang mit den IS-Terroristen sollte er sich aber dennoch machen.

Der sogenannte Islamische Staat wird schon bald mehr als zwei Drittel der über 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze mit Syrien kontrollieren. Absprachen und undurchsichtige Kungeleien mit seinen neuen Nachbarn wird sich Ankara dann nicht mehr leisten können. Auch die türkische Forderung an die US-geführte Koalition, den Islamischen Staat und das Assad-Regime gleichzeitig zu bekämpfen, ist unrealistisch. Denn sollte der syrische Machthaber stürzen, sind es die Dschihadisten und nicht irgendwelche gemässigten syrischen Rebellen, die das Machtvakuum ausfüllen würden. Eher früher als später muss Erdogan daher Farbe bekennen. Und er muss endlich begreifen, dass man Dschihadisten nicht instrumentalisieren kann.