Die Türkei, Nachbarin des Machtbereichs des Islamischen Staates (IS) in Syrien, hat ihre Haltung gegenüber der Dschihadisten-Truppe innerhalb weniger Tage radikal geändert. Noch vor einer Woche hielt sich Ankara mit Kritik am IS und Zusagen für die westlichen und arabischen Angriffe auf die Extremisten sehr zurück. Jetzt spricht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan von einer «blutigen Terrororganisation» und sichert den USA jede Hilfe beim Vorgehen gegen die Miliz zu, auch militärische. Die Neuausrichtung kam so schnell, dass sie selbst Erdogans eigenen Berater überraschte, die noch fleissig das Nein Ankaras zu der Militäraktion rechtfertigten.

So bemerkenswert die Kehrtwende auch ist: Sie dient den unveränderten strategischen Zielen der Türkei. Und weil diese Ziele nicht überall den Vorstellungen des Westens entsprechen, dürfte die Zusammenarbeit zwischen Ankara, Europa und den USA schwierig bleiben.

Zwei Fernziele prägen seit Jahren die türkische Politik im syrischen Konflikt: Erstens will Ankara den Sturz von Präsident Baschar al-Assad erreichen, und zweitens möchte die Türkei als Führungsmacht aus den Umwälzungen in Nahost hervorgehen, die einst als «Arabischer Frühling» begannen. Die grosszügige Flüchtlingspolitik der «offenen Tür» gehört zu diesem türkischen Selbstverständnis. Rund 1,6 Millionen Syrer hat die Türkei aufgenommen; allein seit dem vergangenen Wochenende sind 140 000 Menschen an der Grenze angekommen. Das ist eine Leistung, die selbst Türkei-Kritikern Respekt abnötigt.

Ankara musste befürchten, Einflussmöglichkeiten zu verlieren

Mit ähnlichem Sendungsbewusstsein betrachtet Erdogan den Bürgerkrieg in Syrien. Seine Regierung unterstützt seit Jahren die politische und militärische Opposition gegen Assad und liess lange Zeit auch Gruppen wie den IS im Grenzgebiet gewähren. Erst die Freilassung türkischer Geiseln aus der IS-Gefangenschaft und der Beginn der amerikanischen Angriffe in Syrien haben das geändert. Ankara muss befürchten, bei einem Verzicht auf Teilnahme an den Luftschlägen der USA und ihrer arabischen Verbündeten in die Isolation zu geraten und Einflussmöglichkeiten einzubüssen.

Deshalb hat Erdogan umgeschaltet. Er will die USA jetzt unterstützen – unter der Voraussetzung, dass sich die Angriffe in Syrien nicht nur auf den Islamischen Staat beschränken. Ankara will auch sicherstellen, dass sich die kurdische Rebellengruppe PKK und ihr syrischer Ableger PYD nicht weiter im Kampf gegen den IS profilieren. Zudem verlangt die türkische Regierung von Washington, auch Assad müsse militärischen Druck zu spüren bekommen. Ohne Entmachtung Assads werde es keine Ruhe in Syrien geben, argumentiert die Türkei.

Türkische und westlich Interessen stimmen nicht überall überein

Ohne dieses Ziel aus dem Auge zu verlieren, ist die Türkei in wichtigen Bereichen zu voller Kooperation mit dem Westen bereit. Ausländische Kämpfer auf dem Weg zur IS auf türkischem Boden abzufangen, ist auch für Ankara bedeutsam, denn inzwischen drohen die Dschihadisten mit Anschlägen in der Türkei selbst. Eine bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste ist notwendig, um dem IS den Nachschub abzuschneiden. Die Debatte über eine Markierung von Personalausweisen in Deutschland zeigt, dass sich hier türkische und westliche Interessen berühren.

Das ist aber nicht überall der Fall. Für die Türkei zählt vor allem ein Machtwechsel in Damaskus – für den Westen steht die Bekämpfung des IS an oberster Stelle. Auch dringt die Türkei auf Einrichtung von militärisch gesicherten Schutzzonen auf syrischem Gebiet, was von den USA und den Europäern eher skeptisch gesehen wird. Letztlich handelt Ankara aus dem Wissen heraus, dass sich Amerikaner und Europäer wieder aus Syrien zurückziehen können, die Türken aber auf Dauer direkte Nachbarn bleiben werden. Diese unterschiedlichen Perspektiven schaffen Interessensgegensätze, die auch bei Beteiligung der Türkei an der Offensive gegen den IS nicht verschwinden werden.