Schuldenkrise

Eine Frage der Ökonomie – nicht der Ethik

Die Schuldenkrise als Stresstest für die Demokratie.

Die Schuldenkrise als Stresstest für die Demokratie.

Nicht nur der Schuldner ist schuld an der Problematik der Schuldenkrise. Eine Analyse von Christoph Bopp.

Zu viele Schulden lähmen die Wirtschaft. Schlimmer noch: Vor Finanzkrisen und besonders vor den katastrophalen Depressionen ist jeweils die Verschuldung der privaten Haushalte markant angestiegen. Zu viele Schulden führen zur Krise. Warum? Was tut der rationale Akteur, wenn er seine Schulden nicht mehr bedienen kann? Er spart. Die privaten Haushalte schränken ihren Konsum ein, die Nachfrage bricht ein. Unternehmen geraten in Schwierigkeiten, die Arbeitslosigkeit steigt, es wird noch mehr gespart.

Wobei Schulden zwei Seiten haben: Kreditgeber und Kreditnehmer. Ausufernde Kredittätigkeit (egal, ob für die Finanzierung von Aktien oder Häusern oder einst Tulpenzwiebeln) führen zu spekulativ überhöhten Preisen/Kursen. Platzt die Blase, crashen die Schuldner und die Banken kriegen Schwierigkeiten, das Finanzsystem kommt ins Trudeln. Diesmal haben Notenbanken und Politik die Geschäftsbanken gerettet, aber die Schulden sind dafür gestiegen.

Schulden haben noch einen anderen Verstärkungseffekt. Sie konzentrieren das Risiko einseitig beim Schuldner. Verliert ein Haus, das mit einer Hypothek finanziert wurde, an Wert, verliert nur der Schuldner, der Gläubiger hingegen meist nicht. Denn die Schuld/Hypothek unter dem Strich bleibt gleich. Sicher verloren hat aber der Schuldner: Sein eingeschossenes Eigenkapital. Er muss sparen, die Nachfrage leidet.

Man hätte halt nicht Schulden machen sollen. Moral ist immer wohlfeil. Eine kreditbasierte Wirtschaft ist aber auf jeden Fall leistungsfähiger als eine, die nur schwäbische Hausfrauen treiben. Und Schulden sind immer Ersparnisse. Geld, das Anlagemöglichkeit sucht.

Ohne Schulden geht es nicht. Was sollen wir also machen? Mahnfinger runter. Die US-Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi schlagen in ihrem Buch «Das Schuldenhaus» vor, den Verschuldungsmodus zu ändern. Wie kann man verhindern, dass (Preis-)Schocks nicht gleich zu Krisen führen? Hypotheken sollen an den Marktwert ihres Pfands gebunden werden. Nicht an das bestimmte Haus selbst, sonst würde es der Schuldner allenfalls verlottern lassen, sondern an einen lokalen Index der Häuserpreise. Und Staatsschulden sollten mit dem BIP der jeweiligen Schuldner-Länder verknüpft werden. Sinkt die Wirtschaftsleistung, wird auch die Schuldenlast etwas leichter. Das heisst: Der Gläubiger wird ebenfalls in Haftung genommen – allerdings nur für Dinge, die weder er noch sein Schuldner beeinflussen können. Und selbstverständlich muss er beteiligt werden, wenn der Wert des Assets steigt. Aber er dürfte sich besser überlegen, ob er überhaupt Kredit geben soll.

Ein Finanzsystem, das allen dient, sollte nicht nur dafür sorgen, dass Kredite ausgegeben werden, sondern Schocks abfedern und Risiken bewältigbar halten. Das aktuelle leistet das nicht. Politisch, da sind sich die Autoren einig, sind die Chancen klein, dass es in diesem Sinn geändert wird. Da wehren sich die zu stark, die davon profitieren. Aber es wäre keine Frage der Moral, sondern reine ökonomische Vernunft.

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