In welch schnelllebiger Zeit wir uns befinden, zeigt sich derzeit in der Debatte über die Energiezukunft. Am 11. März 2011 erschütterte die Reaktorkatastrophe von Fukushima die Welt. Schweizer Politiker waren sich weitgehend einig: Das bedeutet eine Zäsur, die Welt nach Fukushima ist eine andere als zuvor, Atomkraft wird im Volk künftig keine Mehrheit mehr finden.

Deshalb beschloss der Bundesrat 75 Tage nach dem Unglück den Atomausstieg.

Heute, drei Jahre und acht Monate später, wird es konkret. Der Nationalrat befindet ab Montag in einer Monsterdebatte über die Energiestrategie 2050. Zwanzig Stunden sind dafür vorgesehen, 115 Seiten umfasst der Gesetzesentwurf.

Die Eckpunkte sehen so aus:
- Keine neuen Atomkraftwerke.
- Die bisherigen laufen, solange sie sicher sind.
- Wasserkraft, Sonne, Holz, Biomasse, Wind und Geothermie werden finanziell massiv gefördert.
- Höhere CO2-Abgabe.
- Weniger Stromverbrauch.

Doch bereits vor der Debatte wird die Energiestrategie 2050 zerredet. Die Aufbruchstimmung ist verflogen, es dominiert der kleinkrämerische Disput. Natürlich ist es legitim, ja Pflicht des Parlaments, in die Details zu gehen und jeden Punkt kritisch zu beurteilen, eventuell anzupassen. Was aber irritiert: Es gibt mehr und mehr Zweifler, die die Energiewende als Ganzes infrage stellen – und je mehr die Erinnerung an Fukushima verblasst, desto stärker wird ihre Position. Viele torpedieren das Projekt mittels Zermürbungstaktik, stellen sich gegen ein AKW-Verbot, gegen strengere CO2-Vorschriften, gegen Effizienzvorgaben für Stromlieferanten, gegen Ausbauziele für erneuerbare Energien, gegen mehr Mittel für Gebäudesanierungen und so weiter. Andere sagen heute mehr denn je, dass sie komplett gegen den Atomausstieg von Bundesrat und Parlament sind, zum Beispiel der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen: «Man darf immer gescheiter werden, wenn man merkt, dass man einen Käse beschlossen hat.»

Wir leben auf Kosten künftiger Generationen

Was Politiker, die sich am Status quo festklammern, nicht bedenken: Niemand kann es allen Ernsts als vernünftig bezeichnen, auf welche Art wir heute Energie produzieren und in welchem Mass wir sie verschwenden. Erstens hat Fukushima auf dramatische Art gezeigt, dass eben doch ein Restrisiko besteht, auch wenn Experten ständig beteuern, wie sicher AKWs sind. Das hat Japan bis 2011 auch behauptet. Ein AKW-Unglück aber ist nicht vergleichbar mit einem Flugzeugabsturz, bei dem – tragisch genug! – ein paar hundert Menschen umkommen. Fliegt Beznau, Gösgen oder Leibstadt in die Luft, so wird ein heute dicht besiedeltes Gebiet auf Zehntausende Jahre hinaus unbewohnbar. Zweitens hinterlassen wir künftigen Generationen radioaktive Abfälle, deren Endlagerung bis heute ungelöst ist und von denen bis zu einer Million Jahre lang Gefahr ausgeht.

Natürlich kann es keine Alternative sein, Atomstrom einfach aus Frankreich zu importieren, nach dem Motto «aus den Augen, aus dem Sinn». Auch nicht besser ist Strom, der aus Gas oder Kohle hergestellt wird. Denn auch hier handelt unsere Gesellschaft unvernünftig: Wir verbrennen die Öl-, Kohle- und Gasvorkommen dieser Welt, die über Jahrmillionen entstanden sind, innert einiger weniger Jahrhunderte. Wie wohl künftige Generationen dereinst über uns richten werden?

Langfristig siegen immer die Visionäre

Gleichzeitig wollen wir alle nicht in die Steinzeit zurück, im Gegenteil: Noch wenig entwickelte Länder streben ebenfalls nach Wohlstand, sie wollen grössere Wohnungen, eigene Autos, um die Welt reisen. Man kann es ihnen nicht verargen. Nur: Wir schöpfen die technischen Möglichkeiten längst nicht aus. Wir könnten in Wohlstand leben mit deutlich weniger Ressourcenverbrauch, mit viel weniger Altlasten für künftige Generationen. Wir könnten Strom aus erneuerbaren Quellen produzieren, Häuser sanieren, verbrauchsarme Autos fahren.

Allerdings, und da haben die Gegner der Energiewende recht: nicht zum heutigen Preis. Doch ist es legitim, auf Kosten künftiger Generationen zu leben, nach dem Motto «nach mir die Sintflut»? Müsste es nicht gerade umgekehrt sein: dass wir uns nur das leisten, was keine Auswirkungen hat auf die Welt nach uns? Wer, wenn nicht wir in der reichen Schweiz, könnten hier vorangehen? Und ja, vielleicht braucht es punktuell auch Verzicht, vielleicht liegt der jährliche Flug nach Australien nicht mehr drin.

Die Energiewende ist ein Kraftakt. Um sie umzusetzen, braucht es viel Geld, Geduld und Gestaltungswillen. Hoffentlich bringen die Politiker all das auf – und siegen nicht die Bewahrer, die an jene erinnern, die sich in den 1970er-Jahren gegen strengere Vorschriften im Strassenverkehr wehrten. Zum Glück haben sie sich nicht durchgesetzt: 1971 gab es in der Schweiz 1773 Verkehrstote, 2013 waren es bei massiv mehr Verkehr noch 269. Langfristig zahlt es sich aus, visionär zu sein.