Steckte der Islamische Staat dahinter? Oder al-Kaida? Oder waren es irre Einzeltäter? Die Attentate der vergangenen Tage am Strand von Sousse in Tunesien, in einer Moschee in Kuwait, in einer Gasfabrik im französischen Departement Isère und am Montag gegen den ägyptischen Generalstaatsanwalt in Kairo und gegen das Wohnhaus zweier Anführer der schiitischen Huthi-Rebellen in Jemens Hauptstadt Sanaa haben vielleicht gemeinsame Drahtzieher, vielleicht auch nicht. Tatsache ist, dass der IS dazu aufgerufen hatte, den Fastenmonat Ramadan in einen Monat des Blutes zu verwandeln. Und die Attacken entsprechen exakt der dreifachen Strategie des sunnitisch-fundamentalistischen IS:

1. Der Krieg gegen die «Abtrünnigen»

Beim Selbstmordattentat während des Freitagsgebets in der Imam-Sadiq-Moschee in Kuwait starben letzte Woche 26 Menschen; 227 wurden verletzt. Die verwüstete Moschee war von Schiiten besucht worden, die rund einen Drittel der kuwaitischen Bevölkerung stellen. Der IS bekannte sich zum Anschlag. Die Autobombe, die am Montagabend im Stadtzentrum von Sanaa mindestens 28 Menschen tötete, fällt in dieselbe Kategorie: Er habe sich «gegen ein schiitisches Nest» gerichtet, verkündete der IS in einer online veröffentlichten Meldung. Schiiten sind aus der Sicht des IS «Abtrünnige».

2. Die Destabilisierung der islamischen Länder

Wenn Staaten scheitern, ist die Ausbreitung des Kalifats umso einfacher. Der IS versucht, in Kuwait – wie im Irak, in Syrien und andern Ländern mit schiitischen Mehrheiten oder grossen Minderheiten – einen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten zu entfachen, um das Terrain für seine totalitäre Herrschaft zu ebnen. Mit demselben Ziel sollen auch Länder mit grossen sunnitischen Mehrheiten wirtschaftlich ausgeblutet und politisch erschüttert werden. Ägypten wäre das wichtigste Beutestück; momentan dürfte es uneinnehmbar sein, aber in den Nachbarstaaten Libyen und Sudan wie auch im Jemen machen sich die terroristischen Gotteskrieger breit, ebenso wie auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel.

Am selben Tag, als in Kuwait die Moschee ausgebombt wurde, tötete der Attentäter von Sousse mit einer Kalaschnikow 37 Urlauber. Nachdem im März im Nationalmuseum Bardo in der Hauptstadt Tunis schon 24 Menschen von Terroristen ermordet worden waren, unter ihnen 20 Touristen, ist wohl mindestens die Saison 2015 ruiniert, was die junge und noch wenig stabilisierte tunesische Demokratie in erhebliche Schwierigkeiten bringen dürfte. Ihr Überleben hängt wesentlich vom wirtschaftlichen Erfolg ab und dieser wiederum von den Einnahmen aus dem Fremdenverkehr. Dabei war der Trend ermutigend: Die Touristenzahlen, nach dem Umsturz 2011 um rund zwei Drittel eingebrochen, hatten wieder angezogen, begleitet von optimistischen Prognosen.

Während Ägyptens vom Militär beherrschte Regierung rigoros gegen den Islamismus vorgeht, bekommt man in Tunesien den Eindruck, die Bedrohung werde nicht ernst genug genommen: Beim Anschlag im Bardo-Museum befanden sich die Wärter gerade in der Kaffeepause. Nachher versprach die Regierung mehr Sicherheit, die aber in der Ferienregion Sousse kaum zu spüren war. Dass der Attentäter dort rund eine halbe Stunde um sich schiessen konnte, bis er überwältigt wurde, ist bezeichnend. Erst jetzt, nach dem zweiten blutigen Attentat innert dreier Monate, hat der Staat 80 illegale Moscheen geschlossen, in denen Hass und Heiliger Krieg gepredigt wurden.

3. Der Heilige Krieg gegen die «Ungläubigen»

Auf lange Sicht soll die ganze Welt vom Schwert des Islam beherrscht werden. Gerade in Europa findet der Dschihadismus unter muslimischen, schlecht integrierten Jugendlichen und bei fanatisierten Konvertiten ideale Voraussetzungen für die Rekrutierung des mörderischen Nachwuchses. Auch westliche Demokratien sind verwundbar. Wenn sie ihre Prinzipien nicht verletzen, die Rechtsstaatlichkeit nicht der Sicherheit opfern wollen, stehen ihnen nicht dieselben Mittel zur Verfügung wie den fanatisierten, menschenverachtenden Gotteskriegern. Frankreich musste nach dem Attentat in der Gasfabrik bei Lyon zugeben, nicht genug Beamte für die Überwachung aller verdächtigen islamischen Fanatiker zur Verfügung zu haben. Weitere Anschläge in Ferienorten, in schiitischen Moscheen und in Europa sind fast gewiss. Der Islamische Staat führt seinen Gotteskrieg, wo immer das möglich ist.