Analyse

Die geplante Eishockey-Revolution: Ein Irrtum

ZSC-Mäzen Walter Frey und HCD-Trainer Arno del Curto im Gespräch.

ZSC-Mäzen Walter Frey und HCD-Trainer Arno del Curto im Gespräch.

Die zwölf NLA-Klubs schmieden Pläne, die überhöhten Saläre im Schweizer Eishockey zu bekämpfen. Marcel Kuchta analysiert, wie sinnvoll die Ideen der Klubs sind und was für Auswirkungen sie hätten.

Es gibt ein englisches Sprichwort, das lautet: «If it ain’t broke, don’t fix it.» Auf Deutsch: Flicke nichts, das nicht kaputt ist. Doch genau das planen derzeit die führenden Exponenten der zwölf NLA-Klubs in unserem Land. Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet in ihrer gestrigen Ausgabe von möglichen Massnahmen, um die überhöhten Saläre in der höchsten Liga zu bekämpfen.

Es stehen dabei vier Punkte im Vordergrund: 1.) Soll nach dem Vorbild der nordamerikanischen Profiliga NHL eine Salärobergrenze pro Team eingeführt werden. 2.) Soll die NLA für die nächsten drei bis fünf Jahre geschlossen werden, damit man in Zeiten sportlicher Not auf kostspielige Personalrochaden verzichten kann und eine gewisse Planungssicherheit hat. 3.) Soll die Anzahl der Ausländer erhöht werden, um das Monopol der Schweizer Spieler einzuschränken. Und 4.) Sollen Mäzene pro Saison nur noch maximal 5 Millionen Franken einschiessen dürfen.

Das Arbeitsrecht macht einen Strich durch die Rechnung

Eines vornweg: Das Hauptmotiv der Klubs für diese Pläne ist nachvollziehbar. Die Spielersaläre in der Schweiz haben sich seit der Jahrtausendwende tatsächlich in einem ungesunden Mass nach oben entwickelt. Für durchschnittliche Verteidiger zahlt man heutzutage schon mal gegen eine Viertelmillion Franken pro Saison. Deshalb hat von den oben genannten vier Punkten genau der erste seine legitime Berechtigung: die Einführung einer Salärobergrenze.

Dumm nur, dass eine solche im Gegensatz zu Nordamerika bei uns nicht funktioniert. Erstens spricht das Arbeitsrecht (absolute Vertragsfreiheit) dagegen. Zweitens funktioniert die nötige Lohntransparenz, die arbeitsrechtlich ebenso hoch problematisch ist, bei uns nur, wenn sich alle Parteien an die Spielregeln halten (Gentlemen-Agreement). Was aber drittens das eigentliche Hauptproblem ist: Was auf der Lohnabrechnung steht, ist nur die eine Seite der Medaille.

Es gibt genügend «weiche Faktoren» finanzieller Art, die man einem Spieler bieten kann, die aber nicht zum Salär gerechnet werden (z. B. Autos, Versicherungen, Steuererleichterungen, Putzfrauen, Kindermädchen, etc.). Kurz: Das beste Instrument, die Löhne zu begrenzen, ist ganz einfach nicht umsetzbar.

Abstiegskampf eliminieren

Der Versuch, die Liga zu schliessen und somit Auf- und Abstieg – zumindest temporär – abzuschaffen, ist hingegen eine sportliche Bankrotterklärung. Man würde der NLA (und der NLB!) einen wichtigen Reizpunkt entziehen. Schon jetzt bemängeln die Kritiker den Leerlauf der 50 Runden dauernden Qualifikation, nach welcher erst geklärt ist, welche acht Teams in die Playoffs kommen und um den Meistertitel spielen dürfen und welche vier gegen den Abstieg kämpfen müssen. Würde man nun auch noch den «Abstiegskampf» eliminieren, dann wäre das verheerend. Zumal die deutsche Eishockey-Profiliga DEL bewiesen hat, dass auch eine geschlossene Liga die Klubs nicht vor finanziellen Abenteuern und Konkursen schützt.

Der Blick nach Deutschland genügt auch, um den dritten Punkt der Reformen zu entkräften: In der DEL wurde das Ausländerkontingent zunächst völlig aufgehoben, dann wieder auf hohem Niveau eingeführt. Momentan darf jeder Klub zehn Spieler mit ausländischer Lizenz einsetzen. Die Konsequenz war, dass die deutschen Spieler von den zwar billigen, aber qualitativ oft ungenügenden Söldnern aus den Mannschaften verdrängt wurden.

Darunter litten vor allem die jüngeren Spieler, die keinen Platz mehr hatten – was in letzter Konsequenz dazu führte, dass die deutsche Nationalmannschaft litt und zwischenzeitlich sogar in die Zweitklassigkeit verbannt wurde. Deshalb ist klar: Finger weg davon, das Kontingent zu erhöhen!

Zerstörung der Nachwuchsarbeit

Bleibt noch der vierte Punkt: die Einschränkung des Mäzenatentums. So verlockend dieser Ansatz auch sein mag: es ist unrealistisch, den Zufluss externer Gelder in irgendeiner Form unterbinden zu wollen. Es gibt tausend Mittel und Wege, die Buchhaltungen so zu manipulieren, dass diese Zuschüsse in beliebiger Form in den Abrechnungen auftauchen. Und es bleibt auch die Frage, was man dann überhaupt als «Mäzenen-Beitrag» definiert.

Gehören da die drei Millionen Franken, die beispielsweise Walter Frey jährlich in Kasse der ZSC-Lions-Organisation einschiesst, um die riesige und erfolgreiche Nachwuchsorganisation zu finanzieren, dazu? Auch hier würden sich die Klubs rasend schnell auf juristisches Glatteis begeben. Und letztlich hat es unserem Eishockey bisher nicht geschadet, dass einige reiche Onkel (und Tanten) ihr Geld kräftig in dieses Produkt (und die Jugend-Förderung!) investiert haben.

Um wieder auf den Anfang zurückzukommen: Das Schweizer Eishockey hat sich in den vergangenen 20 Jahren prächtig entwickelt. Die Liga funktioniert, der Unterhaltungswert stimmt, qualitativ gute Ausländer (wie aktuell der kommende NHL-Superstar Auston Matthews) kommen zu uns, weil das Gesamtprodukt passt. Wieso also sollen wir etwas flicken, was gar nicht kaputt ist?

Letztlich haben es die Klubs selber in der Hand, die nach oben drehende Lohnspirale zu stoppen: Sie können auf das Wettbieten verzichten und das gesparte Geld in den eigenen Nachwuchs investieren. Die Vielzahl talentierter Spieler, die unser Eishockey in den letzten Jahren fabriziert hat, beweist, dass in den Juniorenabteilungen sehr gute Arbeit geleistet wird.

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