Als Siebenjähriger (1972) ein Jahr lang tschutten im FC Dulliken – nein, da blieb nichts Positives zurück. In späteren Jahren: Kicken und dreschen an drei «Grümpis» – es folgten drei Arztbesuche. Ich musste erkennen: Tschutten und ich, das gehört einfach nicht zusammen. Dass sich vorab Männer für nationale Tschutti-Meisterschaften interessieren, überrascht mich immer wieder, ganz besonders in der Schweiz.

Bei uns gibt es, so glaube ich, in der obersten Liga – ironisch: Super League – nur drei Clubs, die zum Tschutten zugelassen sind, und der FC Basel hat den Titel zugesichert erhalten bis 2030. Wenig besser siehts aus in anderen Ländern. Drum frage ich mich: Haben Tschutti-Fans einen Hang zum Masochismus? Immerhin gebe ich zu, gelegentlich das Finale der Champions League zu gucken. Ein familiärer Anlass, bei dem fast immer die gleichen Spieler mittschutten. Und was ich seit 1974 (Sie erinnern sich: zwei Jahre nach meiner Zeit als Aktivfussballer in Dulliken) verfolge: die Tschutti-Weltmeisterschaften! Ja, die WM 1974 in Deutschland, das war schon was, mit Kaiser Franz, meinem Kindheitsidol – bis zur letzten Tschutti-WM, als er bei einer Fifa-Untersuchung den Fragebogen retournierte mit der Begründung, er verstehe nicht Englisch – obwohl er mehrere Jahre für die New York Cosmos getschuttet hat.

Ist Sepp Blatter ein schlechter Mensch? Ich weiss es nicht

Und da sind wir beim Thema, das viele von uns beschäftigt: die Fifa («Fédération Internationale de Football Association»). Schweizer befinden sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt, wenn es um die Fifa geht, durchaus vergleichbar mit den Gefühlen für Schweizer Banken: Auf der einen Seite freuen wir uns, dass sie in der Schweiz domiziliert sind, auf der anderen Seite schämen wir uns fast ein wenig dafür. Und zu Joseph: Ist er ein schlechter Mensch? (So seine rhetorische Frage im Jahr 2002 in Seoul) Ich weiss es nicht.

Die Fifa beruht auf zwei Säulen: der Administration in Zürich sowie der «Fifa-Politik» im Rest der Welt. Die Fifa-Mitarbeiter in der Schweiz tun mir etwas leid, denn sie erledigen ihren Job ganz ordentlich. Bei der «Fifa-Politik» hingegen wirds schmutziger, wobei dieser Bereich weniger in der Schweiz geprägt wird als – horribile dictu – in Afrika, in Südamerika, in der Karibik, in den USA, im Nahen Osten und in einigen europäischen Grossstädten. Uns Schweizern kann schlimmstenfalls (oder: bestenfalls?) vorgeworfen werden, dass wir uns hinsichtlich Fifa unserer helvetischen DNA nicht widersetzen: Wir schliessen zügig die Augen. Über Ethik müssen wir uns ja keine Gedanken macht, es gibt immerhin eine «Fifa-Ethik-Kommission». Das Einhalten von Gesetzen dürfte kaum ein ernstliches Problem darstellen, besteht doch eine «Fifa Compliance Kommission». Bei einem Aspekt sollten indes gerade wir Schweizer die Stirn runzeln: Die Fifa als regulärer Verein, wie ein Trachtenverein oder eine Ornithologische Vereinigung, dazu noch steuerbefreit: Hallo?!?

Die Fifa ist nicht ein Verein, sondern ein multinationaler Konzern

Die Fifa lebt in einem Paralleluniversum, und es gilt das Karma: «Träume werden wahr». Wieso sollte es Kontrolle(n) geben? Warum werden immer kritische Fragen gestellt, warum wird dem «Fifa Bashing» gefrönt? Es ist ja alles gut, und Tschutten eine so schöne Sache! Russland 2018 und Katar 2022: Keine Ahnung, was da – allenfalls: schief – gelaufen ist. Es handelt sich um Fifa-Altlasten («Altlasten», ein beliebter Begriff auch bei Banken). Dass die Verfahren der Bundesanwaltschaft oder der Strafbehörden in den USA rechtliche Resultate bringen werden, erscheint mir wesentlich unwahrscheinlicher als ein sofortiger Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union. Immerhin bleibt zu hoffen, dass die Fifa eine Reformzukunft hat – bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

Es braucht keinen Professor für Wirtschaftsrecht, um zu erkennen: Die Fifa ist ein multinationaler Konzern mit grenzüberschreitenden Milliardenumsätzen und müsste entsprechend behandelt werden. Dass die Fifa und andere Sportverbände traditionellerweise Freipässe erhalten, habe ich nie verstanden. Für «Corporate Governance» sowie «Compliance» gibt es bekanntlich weder Pokale noch Wimpel – zum Glück, ansonsten wären die Fifa-Lokalitäten am «Züriberg» wohl ziemlich schmucklos …

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.