Analyse

Die Daten sind frei!

Facebook will mehr Inhalte auf seine Plattform locken - dafür macht das Onlinenetzwerk nun Youtube Konkurrenz und wirbt um die Videoproduzenten.

Facebook will mehr Inhalte auf seine Plattform locken - dafür macht das Onlinenetzwerk nun Youtube Konkurrenz und wirbt um die Videoproduzenten.

Zur Zukunft der NEtzneutralität: Der Kommunikationssektor darf nicht der reinen Ökonomie überlassen, sondern muss reguliert werden, um Informationsfreiheit zu gewährleisten.

Im Internet sind wir alle gleich, im Internet sind wir alle frei – aber nicht mehr lange. Mit dem Beschluss des Europäischen Parlaments, die Regelungen zur Netzneutralität aufzuweichen, wurde ein Prozess eingeleitet, an dessen Ende nicht weniger als der Untergang des «World Wide Webs» stehen könnte.

Das Problem beschreibt sich am besten mit dem Bild der Datenautobahn. Auf dieser fahren wir alle im gleichen Tempo. Egal ob E-Mail, Facebook oder Youtube – der Datenverkehr läuft mit Vollgas, also im schnellstmöglichen Tempo.

Damit sind wir bis anhin gut gefahren. Egal, ob sich die Internet-Adresse in einer dunklen Seitengasse oder an hochexquisiter Lage befand – die Zugangswege sind gleichwertig erschlossen. Doch dieses Prinzip ist in Gefahr.

Die Internet-Betreiber sagen, Dienste wie Youtube oder Netflix verursachen mit ihren datenintensiven Anwendungen Stau. Deswegen wollen sie von ihnen Geld, damit sie eine eigene Schnellspur erhalten. Es ist eine Art Vignettenpflicht im Internet. Wer sich das nicht leisten kann, muss mit dem Schneckentempo vorliebnehmen.

Innovationen bleiben aus

Was auf den ersten Blick als sinnvolle Lösung erscheint, hat weitreichende Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass «Googles von morgen» keine Chance gegen die finanzstarken Giganten haben. Ihre Seiten laden langsamer, ihre Videos ruckeln; also klicken die Endnutzer vor dem Bildschirm einfach weiter.

Die kreative Zerstörung des Wettbewerbs, wo alte Strukturen durch neue, bahnbrechende Innovationen niedergerissen werden, findet nicht statt. Das Internet wird zur geschützten Werkstatt.

Jetzt könnten Sie sich sagen: Kann mir doch egal sein, solange ich mein Facebook, Youtube und Netflix habe. Stimmt. Aber so erfahren Sie nie, was es an bahnbrechenden Filmen auf dem Youtube der Zukunft, was es an Produkten im Amazon2 oder sonstigen, bis jetzt noch undenkbaren Apps geben könnte.

Sie sind nicht mehr frei, sondern Geisel Ihres Netzanbieters. Die Situation wäre vergleichbar mit den Anfängen des Internets, als Provider ihren Kunden eine Auswahl von ihnen bestimmten Inhalten anboten.

In der heutigen Informationsgesellschaft wäre eine solche Entwicklung mehr als bedenklich. Zudem sollte man keineswegs naiv sein und den Netzanbietern glauben, dass es ihnen nur darum geht, einen optimalen Durchfluss auf der Datenautobahn zu gewährleisten.

Denn die meisten dieser Konzerne, sei es die Swisscom in der Schweiz oder Verizon in den USA, sind nicht bloss auf dem Markt des Netzzugangs aktiv. Vielmehr bieten sie auch eigene Inhalte wie zum Beispiel Internetfernsehen an.

Die Versuchung ist gross, dass sie ihre eigenen Dienste gegenüber der Konkurrenz bevorzugen. Dass das geschehen kann, entspricht der Wirtschafts-Logik und ist weniger eine bösartige Verschwörung, wie es unter Netzaktivisten oft angenommen wird.

Es zeigt, dass der Kommunikationssektor nicht der reinen Ökonomie überlassen werden darf, sondern reguliert werden muss, um Informations-Freiheit zu gewährleisten.

Europa hinkt hinterher

In den USA wurde die Gefahr erkannt und eine Abkehr vom Prinzip der Netzneutralität mit der Unterstützung von Präsident Barack Obama verhindert.

Es ist irritierend, dass man in der EU den umgekehrten Weg geht. Daran ändert nichts, dass das EU-Parlament festhält, Netzwerkmanagement sollte nur betrieben werden, «um die Gesamtqualität und das Nutzererlebnis zu optimieren». Eine Einschränkung des freien Datenverkehrs ist immer schlecht.

Ausser dem Drosseln und Beschleunigen von Datenströmen gäbe es allerdings noch eine weitere Möglichkeit, die engen Platzverhältnisse auf der Datenautobahn zu beheben: den Ausbau der Infrastruktur.

Moderne Glasfasernetze kennen praktisch kein Kapazitätslimit. Die Bandbreiten dieser Verbindungen sind so hoch, dass fast unendlich viele Daten in ebenso unendlich hoher Geschwindigkeit versandt werden können.

Für Netzbetreiber würde das zentrale Argument für die Steuerung von Datenströmen wegbrechen. Nicht nur das: Auch dem Endkunden könnten sie kaum noch Abos in unterschiedlichen Preisen verkaufen, da ja Bandbreite nicht mehr knapp wäre.

Das wäre nicht weniger als das Ende ihres bisherigen Geschäftsmodells und dagegen sträuben sich die Unternehmen verständlicherweise. Sie haben im Gegenteil Interesse am Status quo. Denn es ist offensichtlich: Hat es weniger für alle, steigt der Preis.

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