Uhrenindustrie

Der Zeiger steht auf Krise

Die Smartwatch macht den Platz am Handgelenk streitig, Im Bild: die Apple Watch.

Die Smartwatch macht den Platz am Handgelenk streitig, Im Bild: die Apple Watch.

Es gibt erste Anzeichen für eine neue Uhrenkrise und dafür, dass diese Anzeichen nicht ernst genug genommen werden. Peter Rothenbühler über die Folgen der Smartwatches.

Kommt es wieder – wie damals in den Siebzigerjahren, bei der Uhrenkrise, die ganze Juratäler entvölkerte – viel zu spät zu einem bösen Erwachen? Japan hat damals den Markt mit günstigen Quarzuhren überschwemmt, die Schweizer haben zwar selbst hervorragende Quarzuhren hergestellt, aber sie verfügten nicht wie die Japaner über die nötige Zulieferindustrie für Minibatterien und andere elektronische Bauteile. Und sie haben im Trubel des Quarz-Tsunami erst noch die mechanische Uhr aufgegeben.

Zwei Männer haben die Uhrenindustrie gerettet: Nicolas G. Hayek mit der Fusion grosser Unternehmen und der Lancierung der von Robotern produzierten Swatch als emotionelles Modeaccessoire und Jean-Claude Biver mit der Wiederbelebung der mechanischen Uhr als kunsthandwerkliches Luxusobjekt mit viel Geschichte (Blancpain). Von der Weitsichtigkeit der beiden lebt seither die Uhrenindustrie: viele tausend Millionäre in China, Indien, Russland und der arabischen Welt wollen eine teure Markenuhr aus der Schweiz.

Und wenn Kunden beides wollen, Luxus und Intelligenz?

Inzwischen macht ein neuer Typ von Uhren den Platz am Handgelenk streitig: die Smartwatch, die Uhr, die auch ein Computer ist, der neben Zeit auch Breaking News, Höhe, Anzahl Schritte, Herzschläge, Mails, SMS und vieles anderes anzeigt. Als Apple seine Smartwatch dieses Jahr lancierte, kam von praktisch allen Uhrenherstellern die gleiche Botschaft: keine Gefahr für unsere Uhren. Die sind nämlich ganz was anderes, Kunst, Luxus, Schweizer Handwerk, ein direkter Draht zur Geschichte unserer Bauern in den tief verschneiten Jurabergen. Kurz: eine Mischung aus Luxus und Nostalgie. Ausserdem lassen sich diese «intelligenten» Uhren von Samsung, LG oder Apple ja nur mit Chips und Betriebssystemen aus Amerika machen, was nicht mehr Swiss Made ist. Und die Menschen wollen nur Swiss Made. Und wenn die Kunden plötzlich beides wollten, Luxus und Intelligenz?

Vor knapp zwei Wochen kam Jean-Claude Biver, der Chef des Luxusuhrenkonzerns LVMH, der Mann, der die mechanische Uhr Blancpain mit dem Werbespruch lanciert hat, «Seit 1735 machte Blancpain nie eine Quarzuhr und es wird nie eine geben», der Mann, der die ganze Welt wie ein amerikanischer Prediger von der mechanischen Uhr Swiss Made überzeugt hat, und stellt die Tag Heuer Carrera Connected vor, die wie eine traditionsreiche Schweizer Uhr daherkommt, aber genau gleich viel kann wie eine Apple Watch und angetrieben wird von einem Mikroprozessor von Intel und einem Betriebssystem von Google (Android), also nur noch Swiss Engineered ist.

Die hybride Uhr findet bereits reissenden Absatz. Intel wird in La Chaux-de-Fonds eine Fabrik bauen mit völlig neuen Perspektiven für hiesige Techniker. Und wieder wiegelt die Fédération de l’industrie horlogère suisse (FH) durch ihren Präsidenten Jean-Daniel Pasche nur ab: «Wir haben keine Anzeichen dafür, dass die Smartwatch die Uhrenindustrie bedroht.»

Hinter den Kulissen tobt ein kleiner Krieg

Doch jeden Tag liest man über neue Entlassungen in der Uhrenindustrie, und hinter den Kulissen tobt ein kleiner Krieg gegen dieses Swiss Engineered. Das sei zu nahe bei Swiss Made, tobt die Konkurrenz, die nur daran denkt, den Gartenzaun höher zu machen. Als ob es in Zukunft noch möglich wäre, eine intelligente Uhr allein mit Schweizer Bestandteilen zu bauen. Fünf Millionen bereits abgesetzte Apple Watches, einige Millionen von andern Herstellern müssten die hiesigen Uhrenbosse eigentlich aufschrecken, sie, die ihre Uhren immer noch als «kunstfertige Handarbeit aus der familiengeführten Manufaktur» (Rolex) anbieten oder als Produkt aus einem Tal, wo die ersten Uhrenmacher «im Einklang mit der Natur danach strebten, die Geheimnisse des Universums durch ihre komplexen mechanischen Meisterwerke zu entschlüsseln» (Audemars Piguet).

Ich mache jede Wette, dass die nur so tun, als würden sie ruhig schlafen, in Wirklichkeit aber alles tun, um bis zur Uhrenmesse Baselworld auch eine Smartwatch im traditionellen Kleid anzubieten, die es mit der Apple Watch aufnimmt und seine Besitzer nicht nur mit der Bauerntradition im Vallée de Joux verbindet, sondern mit der ganzen Welt. Wenn nicht, steht der Zeiger bald wieder auf Krise – fürchte ich als Besitzer von rund zwanzig mechanischen Uhren, der nur noch die Apple Watch trägt.

*Der Autor, Journalist und Editorial Designer, war Chefredaktor von «SonntagsBlick, «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er lebt in Lausanne und Paris.

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