Analyse

Der Schweizer Film lebt!

Das Plakat der 50. Solothurner Filmtage

Das Plakat der 50. Solothurner Filmtage

Der Schweizer Film versinkt in der Bedeutungslosigkeit? Von wegen. Die Solothurner Filmtage habe gezeigt: Aktuelle Filme können es durchaus mit Klassikern aufnehmen. Dem Nachwuchs sei Dank. Eine Analyse von Filmredaktor Lory Roebuck.

Ich gebe es zu. Filme aus der Schweiz haben mich nie sonderlich interessiert. Ich wuchs mit Hollywood auf, begeisterte mich für grosse Geschichten und unschlagbare Helden. Der Schweizer Film hatte in meinen Augen nie eine vergleichbare Strahlkraft. Er bot mir keine Stars und keine Spannung. 

Sah ich auf der Strasse mal das Plakat oder im Kino den Trailer eines Schweizer Films, liess mich das meistens kalt. Warum, fragte ich mich, soll ich mir das ansehen, wenn die Kinos aufregendere Stoffe zu bieten haben?

Mit dieser Einstellung stand ich offenbar nicht alleine dar. Gegen das internationale Kino zieht der Schweizer Film laufend den Kürzeren. Sein Anteil an den jährlichen Kinobesuchszahlen dümpelt im einstelligen Prozentbereich herum. Zwanzig bis dreissig Filme pro Jahr schaffen es, die Erfolgsmarke von 100 000 Zuschauern in den Schweizer Kinos zu erreichen. Aber im Schnitt ist nur einer davon aus Schweizer Hand.

Kein Wunder: Vorbei scheinen die Zeiten zu sein, als Filme wie «Die Schweizermacher» (1978) oder «Das Boot ist voll» (1981) Menschen massenweise in die Lichtspielerhäuser lockten – weil sie das Schweizer Bünzlitum aufs Korn nahmen, oder weil sie brennende Fragen zur Rolle der Schweizer Geschichte stellten. Solche Filme gingen alle etwas an, niemand wollte sie sich entgehen lassen. Aber heute? Ist der Schweizer Film heute tot?

Die letzte Bastion des Schweizer Films trotzt der Kritik

Die Solothurner Filmtage sind so etwas wie die letzte Bastion des Schweizer Films. Sie verstehen sich als wichtigste Werkschau des hiesigen Filmschaffens und rücken es jeden Januar in den Fokus. Heuer bereits zum fünfzigsten Mal.

Und just zu diesem runden Geburtstag mussten die Filmtage grosse Häme einstecken. Die «NZZ am Sonntag» erklärte die Veranstaltung im Vorfeld als «überflüssig» und «ohne Daseinsberechtigung». Eine gezielte Provokation aus der Limmatstadt, die seit 2005 mit einem eigenen grossen Filmfestival ebenfalls um die Gunst der Kinozuschauer buhlt. Die 50. Solothurner Filmtage haben dieser Kritik getrotzt.

Zu ihrem Jubiläum haben die Filmtage etwas ganz Wertvolles gemacht: Sie haben den viel gescholtenen Schweizer Film von heute den erfolgreichen Werken von gestern gegenübergestellt. Als Zuschauer konnte man an in Solothurn sowohl aktuelle Filme wie «Iraqi Odyssey» oder «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» schauen, als auch alte Meisterwerke wie «Höhenfeuer» (1985) oder «Les petites fugues» (1979). In diesem Nebeneinander hat sich gezeigt, auf welchem Niveau sich der Schweizer Film von heute bewegt.

Beim Schweizer Film preschen aufregende junge Talente hervor

Fazit: Es gibt Grund zur Hoffnung. In Solothurn wurde nämlich ersichtlich, dass beim Schweizer Film derzeit aufregende junge Talente hervorpreschen. Die Brüder Mirko (34) und Dario (39) Bischofberger beispielsweise, die mit nur 600 000 Franken einen charmanten Science-Fiction-Film realisiert haben.

Oder Jan Kessler, der im Alter von nur 19 Jahren eine eineinhalbstündige Dokumentation über Menschen mit multipler Sklerose bewerkstelligt hat.

Oder die 39-jährige Claudia Lorenz, die in «Unter der Haut» mit viel Feingefühl das Scheitern einer Familienidylle nachzeichnet. Diese Jungen sind ein Versprechen für die Zukunft. Sie orientieren sich nicht an ihren Vorgängern, sondern gehen ihren eigenen Weg. Sie erzählen moderne Geschichten und finden eine eigene Sprache dafür.

Einem ist das besonders gut gelungen: Der 36-jährige Simon Jaquemet hat mit seinem Erstling «Chrieg» den wohl besten Schweizer Spielfilm der jüngeren Gegenwart geschaffen. Der Zürcher Jungregisseur vermischt Migration und Tradition, Stadt und Land, Wohlstand und Verwahrlosung zu einem explosiven Filmcocktail, der tiefe Spuren in der Schweizer Kinolandschaft hinterlassen wird.

«Chrieg» wurde im Rahmen der Filmtage für fünf Schweizer Filmpreise nominiert, und sorgt mit dem Gewinn des Max-Öphuls-Preises in Saarbrücken sogar im Ausland für Furore. Der Schweizer Film lebt und ist interessant wie lange nicht mehr – dem Nachwuchs sei Dank!

lory.roebuck@azmedien.ch

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