Wer oft im Kino sass, hatte keine Mühe mit dem «Tatort» am Sonntagabend im Fernsehen. In diesem «Tatort» spielte Ulrich Tukur nur während der Eingangssequenz den Kommissar Felix Murot, so wie gewohnt. Für den Rest des Krimis spielte Tukur sich selbst – also den Schauspieler Tukur, nicht Ulrich Tukur als reale biografische Figur. Tukur sagte zu Tukur, dem Gegenüber: «Wäre schön, auch einmal eine reale, nicht erfundene Figur zu sein.»

Wer das schizophren nennt, hat keine Träume. Nachts machen wir die verrücktesten Sachen mit. Als glitten wir auf einem Hoverboard durch Bilder und Filme (früher auf einem fliegenden Teppich) – bis wir erwachen: ach, wieder so ein Traum! Bleiben wir länger liegen, schwappen wir knapp unter und knapp über die Oberfläche. Lassen Traum und «Wirklichkeit» einander durchdringen zu einem speziellen Film, genannt «Klarträumen». In anderen Worten: Der Film musste irgendwann erfunden werden. Weil der Film im Grunde dieses Spiel bloss fortführt: Träumen und Wachsein im steten Wechsel.

Tatsächlich wurde gestern das Kino erfunden. Gestern vor 120 Jahren, am 28. Dezember 1895 in Paris. Sozusagen das Massen-Traumtheater. Natürlich brauchte es grosse Hartnäckigkeit, viel technische Tüftelei der Gebrüder Lumière, bis die Bilder laufen lernten. Träumen kann jedes Kind. Nichts als Licht und Schatten formten in der Luft längst schon ein Bild. Auch schien das Prinzip schnell hintereinander geschalteter Bilder einfach. Das schafft man bereits mit einem Stapel bedruckten Papiers. Im Oktober 2004 stolperte Fidel Castro nach einer Rede in Santa Clara und stürzte hin. Ein harmloses Malheur, dachten alle. Trotzdem wurde es zum Symbol seines späteren – in Zeitlupe erfolgten – Falls. Das kubanische Fernsehen zeigte nie mehr was davon. Doch die Bilder waren bereits kopiert, auf Papier. Und kursierten als Fingerkino in der oppositionellen Szene. Liess man den Stapel durchratschen in der Hand, zeigte sich Fidels ungebremster Sturz, Filmzensur hin oder her.

Wie gesagt: Kino existierte längst vor seiner Erfindung im Kopf. Aber es sozusagen aus dem Kopf zu ziehen und in einem speziellen Haus zu präsentieren, erforderte noch erheblich technisches Geschick. Man könnte sich mal fragen, dies nebenbei, ob technische Erfindungen nicht eher Entdeckungen sind. Also Dinge, die in gewisser Weise bereits vorhanden sind – in geistiger Form. Der Mensch «erfindet» nämlich nur, was ihm seit Menschengedenken im Kopf herum spukt. Über weite Distanzen Botschaften senden? Telegraph. Menschen in der Ferne zuhören und mit ihnen reden? Telephon. Augenblicke anhalten? Photographie. Töne konservieren? Grammophon. Bewegung vortäuschen? Cinematograph. Sich vom Himmel aus lenken lassen? Satellit. In einem Augenblick sich über die ganze Welt verbreiten? Internet. Etwas ausserhalb seiner Kopfirrlichter zu erfinden, dafür mangelt es dem Menschen kaum an Fantasie. Aber an Abstand vom Egozentrismus, an Demut. Der Menscherfinder denkt an sich. Nicht an das Reh, nicht an den Fisch, nicht an den Baum.

Das Kino schuf nicht wirklich neue Traumwelten, trotz «Traumfabriken». Auch nicht in Disneyland, in diesem real betonierten Trickfilm-Chrüsimüsi. Träume zu versprechen, gehört zur Kinopropaganda, so aufregend, wie einst die Filmplakate gemalt worden sind. Die stärkeren Träume hat der Mensch. Und die stärksten Geschichten erzählt immer noch die Realität.

Kino leuchtet aber nach wie vor fantastisch die Labyrinthe im Menscheninneren aus. Es nährte und nährt sich hierbei von bereits erzählten Mythen, Abenteuergeschichten, Märchen. Variiert Sagen und Legenden: Sindbad, Carmen und Scheherazade. Lederstrumpf, Don Quijote, Goliath und Odysseus. Wer oft ins Kino geht, erkennt die Muster. Kino ist Massenunterhaltung – aber auch da hat der Bildungsbürger mehr davon. Kino hat sich unanfechtbar zur siebten Kunst gemacht und das letzte Jahrhundert geprägt. Während Fernsehen nie über die Dimension einer erweiterten Puppenkiste hinauskommen wird. Ausser es lehne sich ans Kino an, wie bei jüngeren exzellenten Serien. Über Intrige und Politik etwa aus den USA und Dänemark.

Oder eben jetzt, am Sonntag, als Kommissar Murot zum Schauspieler Tukur wurde. Bestes Kino: Abgründe zwischen Schein und Sein. So viel in Deutschland gar nicht mehr vermuteter Witz.