Analyse

Der entzauberte Papst: Durch Indiskretion werden Missstände enthüllt

Papst Franziskus hebt im Scherz mahnend seinen Zeigefinger gegen Mitglieder der Weltbischofssynode in Rom.

Papst Franziskus hebt im Scherz mahnend seinen Zeigefinger gegen Mitglieder der Weltbischofssynode in Rom.

An Jorge Bergoglios ehrlicher und ernsthafter Absicht, die Kirche zu verändern, zweifelt weiterhin niemand – aber etwas entzaubert ist der «Papst vom anderen Ende der Welt» inzwischen schon.

Der Vatikan hat auf die neue Affäre um heimlich weitergereichte vertrauliche Dokumente aus dem Kirchenstaat ungewöhnlich harsch reagiert. Die Verärgerung war nicht zuletzt deshalb so gross, weil in dieser Woche gleich zwei Bücher erschienen sind, in welchen diese Dokumente verarbeitet sind.

Die Bücher seien «Früchte eines schweren Verrats am Vertrauen des Papstes», betonte Vatikansprecher Federico Lombardi am Montag. Die Zeitung «La Stampa» berichtete gestern, dass der Vatikan allen Ernstes erwäge, an Italien ein Rechtshilfegesuch zu richten, um die Autoren der beiden Bücher wegen «Beihilfe zum Geheimnisverrat» zu belangen.

Das wirkt hysterisch, zumal vieles von dem, was in den beiden Büchern mit viel PR-Getöse als neu und skandalös verkauft wird, entweder längst bekannt war – oder der entsprechende Missstand inzwischen behoben worden ist.

Das Hauptproblem beider Bücher besteht darin, dass die meisten Dokumente aus den ersten Monaten des Pontifikats stammen. Damals lag bei den Vatikan-Finanzen tatsächlich vieles im Argen. Aber die Finanzverwaltung und insbesondere die skandalumwitterte Vatikanbank sind inzwischen von Grund auf reorganisiert und mit neuem Führungspersonal ausgestattet worden.

Seine Exzellenz Kardinal George Pell fliegt nur Business-Class
Aber natürlich hat der Inhalt der beiden Bücher erhebliches Empörungspotenzial. Dass viele Kardinäle in luxuriösen Wohnungen residieren, während der Papst mit seiner 50-Quadratmeter-Suite im vatikanischen Pilgerhaus vorliebnimmt, stösst vielen Gläubigen sauer auf.

Skandalös – und tatsächlich neu – ist auch, dass der australische Kardinal George Pell, den der Papst als neuen Finanz- und Wirtschaftschef des Kirchenstaats eingesetzt hat, in nur einem halben Jahr Spesen von 501 000 Euro in Rechnung gestellt hat – Seine Exzellenz Pell fliegt eben nur Business-Class.

Die neue Vatileaks-Affäre ist auf den ersten Blick in erster Linie nur ein Problem für die ohnehin nicht einwandfrei beleumdete Kurie, weniger für den Papst. Die Kirchenverwaltung zementiert ihren Ruf als Schlangengrube und barocker Hofstaat, während der Pontifex aus Argentinien weiterhin als Lichtgestalt erscheint, der in einem feindlich gesinnten Umfeld allen Intrigen zum Trotz tapfer seine «mission impossible» verfolgt, nämlich die Schaffung einer «armen Kirche für die Armen».

Doch das zweidimensionale Bild hat Risse.

Denn der Papst trägt eine grosse Mitverantwortung an der Affäre, die drei Hauptprotagonisten kennt: die beiden «Maulwürfe» Vallejo Balda und Francesca Immacolata Chaouqui sowie Kardinal George Pell.

Franziskus hat sie nicht von seinem Vorgänger Benedikt XVI. «geerbt» – alle drei sind von Franziskus in ihre wichtigen und exponierten Ämter gewählt worden. Vor allem die Berufung der damals erst 30-jährigen «PR-Fachfrau» Chaouqui in die Untersuchungskommission Cosea, die von Franziskus zur Überprüfung der Vatikan-Finanzen eingesetzt worden war, löst Kopfschütteln aus: Sie hatte keinerlei Qualifikationen für die Analyse von komplexen Finanzströmen. Eine haarsträubende Fehlbesetzung.
Wie viele Baldas und Chaouquis geistern noch im Vatikan herum?

Schon Benedikt XVI. hatte bei der Besetzung wichtiger Ämter und der Auswahl seiner engsten Mitarbeiter zuweilen eine unglückliche Hand gehabt – Franziskus läuft nun Gefahr, seinen Vorgänger diesbezüglich noch zu übertreffen. «Wir haben da tatsächlich ein Problem», zitierte der «Corriere della Sera» gestern einen hohen Kurienprälaten. Inzwischen stelle man sich im Vatikan hinter vorgehaltener Hand die bange Frage, wie viele Baldas und Chaouquis noch im Kirchenstaat herumgeisterten.

Das vom Papst mitverursachte Vatileaks 2 kommt nur wenige Wochen nach dem Abschluss der Familiensynode, die ebenfalls viele Erwartungen enttäuscht hat. Letztlich ist an zwei je dreiwöchigen Bischofsversammlungen in Rom nichts Zählbares herausgekommen – was Kritiker zur spitzen Bemerkung veranlasste, Franziskus werde als «erster Reformpapst ohne Reform» in die Kirchengeschichte eingehen. An Jorge Bergoglios ehrlicher und ernsthafter Absicht, die Kirche zu verändern, zweifelt weiterhin niemand – aber etwas entzaubert ist der «Papst vom anderen Ende der Welt» inzwischen schon.

Meistgesehen

Artboard 1