Analyse

Das Signal, das auf null steht

Die UNO-Klimakonferenz geht in die Verlängerung. Noch bis morgen Samstag haben die Teilnehmer Zeit, sich auf ein Abkommen zu einigen. Ziel ist es, die weltweite Klimaerwärmung zu stoppen. (Archiv)

Die UNO-Klimakonferenz geht in die Verlängerung. Noch bis morgen Samstag haben die Teilnehmer Zeit, sich auf ein Abkommen zu einigen. Ziel ist es, die weltweite Klimaerwärmung zu stoppen. (Archiv)

Eine Analyse zum voraussichtlichen Abschluss der Klimaverhandlungen in Paris.

Wieder einmal das Warten auf ein Signal. Vor den Verhandlungen spricht man vom Vertrag, den es endlich abzuschliessen gelte. Während verhandelt wird, geht es um den Text, um dessen Formulierungen gerungen werde. Und wenn sich die Verhandlungen dem Ende nähern, rückt zwar wieder der Vertrag ins Blickfeld. Aber weder als Abkommen, das verpflichtet, noch als Text, den man lesen kann, sondern es bleibt dann ein «Signal». Natürlich ist so ein Signal nicht nichts und das Problem ist ja auch kein leichtes.

Es ist zwar wieder Bewegung ins (Verhandlungs-)Paket gekommen, aber das grosse Problem, der grosse Bremser, bleibt: der Unterschied zwischen Arm und Reich. Oder in der Klimawandelsprache: zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.

Wenn der Reiche nichts macht, mache ich sicher auch nichts

Gemeint ist Folgendes: Das Kyoto-Protokoll strebte feste Reduktionspflichten an. Die einzelnen (Industrie-)Länder sollten sich verpflichten, ihren Treibhausgas-Ausstoss gegenüber 1990 um einen bestimmten Prozentsatz zu senken. Die Entwicklungsländer – dazu zählte sich immer China, das mittlerweile tüchtig Treibhausgase produziert – sollten ausgenommen werden. Schwellen- und Entwicklungsländer zählten bald zu den Hauptsündern, und so war absehbar, dass man mit diesem Prozedere nicht weit kommen würde.

Und der Grundsatz, man sollte dort vor allem reduzieren, wo mit überschaubarem Aufwand viel reduziert werden könnte (also nicht bei uns!), ist inhaltlich sicher nicht falsch, führt aber zur Auffassung, dass vor allem andere viel mehr tun könnten. Das impliziert aber auch das Dilemma: Wenn ich (damit sind die reichen Länder gemeint) sage, ich mache mal nichts, weil ich sowieso nicht mehr so schmutzig bin, fragen sich die anderen Länder, die aufholen wollen, warum sie etwas machen sollten, was auch die anderen nicht tun – und es passiert dann eben nichts – oder nur Scheinbares.

Die Klima-Modelle sind immer raffinierter geworden. Das erlaubt auch, dass man besser abschätzen kann, wie sich einzelne Reduktionsprogramme auswirken. Die oben erwähnte Paradigmenverschiebung profitiert indirekt auch davon. Einzelne Länder sollen mitteilen, was sie tun wollen. Man kann dann relativ zuverlässig berechnen, welchen Effekt das hat.

Und es verhindert das Dilemma: Ich mache mal nichts, weil man es nicht merkt – das geht nicht mehr, sondern die Einsicht greift Platz, dass die Atmosphäre wirklich etwas ist, das zwar gemeinsam genutzt wird, aber auch durch unkoordinierte Nutzung zerstört wird.

Der «neue Vertrag», der heute fertig beraten werden soll, trägt dem Reduktionsaspekt genügend Rechnung. Dass sich die Staaten darin verpflichten, ihre Programme periodisch überprüfen zu lassen und nach Bedarf zu verschärfen, ist ein geeignetes Vorgehen. Was aber wieder unter den Tisch zu fallen droht, ist der Aspekt der Gerechtigkeit.

Da geht es um Geld. Es soll einerseits wieder gutmachen, denn die Verursacher der Misere sind nicht zuletzt die Länder, welche sich erfolgreich mit Kohle und Öl industrialisiert haben. Und es soll helfen, dass die aufholenden Länder nicht den gleichen Fehler machen, den die reichen Länder – wenn auch nicht im Wissen – gemacht haben. Also Industrialisierung oder Technisierung ohne das Verbrennen von fossilem Kohlenstoff. Das ist nicht gratis, die reichen Länder sollen das bezahlen.

Nicht 2, nicht 2,5, nicht 1,5 Grad – für uns gilt null – null Emissionen

Das Wichtigste zum Schluss: Wir (damit sind die Bewohner der reichen Länder gemeint) dürfen uns nicht verführen lassen. Man redet von 2 Grad, von 2,5 Grad oder von «ambitionierten 1,5 Grad». Das vernebelt die harte Tatsache, dass es nicht um «wissenschaftliche Ziele» (wie Bundesrätin Leuthard sich ausdrückte) geht oder um «politische Ziele» (die sie von ersteren unterscheiden wollte).

Sondern schlicht und einfach, dass das Ziel für uns «null» heisst. Wir (die Bewohner der reichen Länder) müssen unsere Wirtschaften «de-karbonisieren» – je früher, desto besser. Ohne Kohle, ohne Öl – nur mit erneuerbaren Energien. Jetzt wird darum gestritten, wie man diesen – doch etwas unbequemen – Tatbestand benennen will. Aber was auch immer die Saudis und Co. sagen und machen (Benzin dürfte nicht teurer werden, wenn wir hier über die «Energiewende» nachdenken), an dieser Null führt kein Weg vorbei – 2030 oder 2050.

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