Analyse

Das Rauchverbot ist wie Lindy Hop im Fransenkleid

10 Jahre nach der Einführung des Rauchverbots.

10 Jahre nach der Einführung des Rauchverbots.

Über die 10 Jahre nach der Einführung des Rauchverbotes in der Schweiz. Unser Autor schwelgt für Sie noch einmal in den Erinnerungen wo früher überall noch geraucht werden durfte.

Wie das Handy heute, regelte man früher das Feuer. Zumindest im Flugzeug: Beim Start müssen Handys in den Flugmodus geschaltet werden – und Feuerzeuge durften nicht aufflammen.

Rauchen war bald danach aber gestattet, ab Scheitelpunkt im Steigflug. Rauch in der Kabine löste wohlige Trägheit aus; noch blies jeder seelenruhig seinen Dampf unter die Wolken.

Das war die Swissair/Panam/TWA-Epoche. Als Jets das Zigarettenpäckchen zierten (Peter Stuyvesant) – eine Einheitspackung Glamour: Der Beau sog an der Zigi, die Beauty goss sich Meerschaum auf die Brüste. Damals, als Fliegen von der Herde trennte, nicht in die Herde pferchte. Aluminium statt Plastik. Nieten und Propeller.

Flugzeuge, worin man rauchte, feiert man heute als «Legenden» (etwa die Super-Constellation). Gates ohne Metalldetektoren, Hallen ohne Duty-Free-Fallen, Zuschauerterrassen ohne Käfig. Sicher kein Marketinggedudel. Frank Sinatra an Bord, Jacky Kennedy oder Jacky Stewart.

Unterm Himmel dann schwebende Gedanken zum Campari Soda, zum sich schlängelnden Rauch der Stuyvesant Filter. Dankbar matter Blick auf die Dunstglocke unter uns.

Ein Schubzylinder in der Armlehne diente als Aschenbecher; jede Sorge stäubte ab wie eine Flocke. Hostessen waren Engel-Schwester-Musen, Stewards nicht einmal denkbar. Niemand hielt so eine Welt für kreuzfalsch eingerichtet, geschweige denn für gesundheitsgefährdend.

Selbst die Piloten schmauchten vorn eine Cohiba oder Montecristo. «Öffnete die Stewardess eine Stunde, nachdem wir in Rio abgehoben hatten, das Cockpit, konnte sie uns im Nebel nicht mehr erkennen.»

Das erzählte mir einer dieser Bubenhelden, ein Swissair-Kapitän, Schweizer Zuverlässigkeit als Weltklasse. Erzählte es am Swissair-Prozess in Bülach, wohin er seinen letzten Chef, Mario Corti, als Angeklagten chauffiert hatte, freiwillig und voller Achtung. Das war 2007, fünf Jahre nach dem Swissair-Grounding. Zwei Jahre, nachdem auch die SBB in ihren Zügen die Raucherabteile aufgehoben hatten.


Lächerliche zehn Jahre – eine Ewigkeit ist es her.

Übermorgen jährt sich der Tag der Befreiung, wie das Bundesamt für Gesundheit ihn feiert: «Ein starkes Signal gegen das Passivrauchen». Am 11. Dezember 2005 verschwand die Zigarette aus Zügen, Bussen und geschlossenen Räumen, griff das Rauchverbot im öffentlichen Verkehr. Und in der Tat: Man kann sich kaum mehr vorstellen, dass Zug und Flugzeug mal mit Rauch erfüllt gewesen waren.

Das scheint so fern wie ein abgelegtes Zeitalter. Historisch so verrückt wie Pincurls, Lindy Hop und Fransenkleid.

Das gibt zu denken, auch ohne das Rad zurückzudrehen am Interregio der Zeit. Wir spielen nicht den Narr, der abends, wenn er erschlagen nach Hause kommt, in den Kleidern noch immer das kalte Nikotin von Hinz und Kunz erschnüffeln will.

Wir haben das Gift selber ausgeschwitzt, froh darum, mehr aber auch nicht. Der Gesundheitsfeldzug hat Fusssoldaten genug. Der Glaube, dass Gesundheit erlöst, ist ein Gebet, dessen Wiederholung nicht weiterhilft. Die Gesundheitsmissionen setzen alte religiöse Inhalte fort: Versprochen wird das ewige Leben als Lohn für heilsame Kasteiung, Reue und Fleiss.

Eigenartig aber bleibt es doch: Wie kann ein Jahrhundert, wie können drei Generationen ganz selbstverständlich, geradezu gedankenlos eine Alltagswelt teilen, die dann, über Nacht, der nächsten Generation unerträglich, ja unmöglich erscheint?

Rauch war überall, im Zug, auf dem Parkett, in der Soldatenstube, im Salon – und wird heute nur an windigen Ecken hastig geschluckt. Eine Gesellschaft, worin jeder rauchte, erschien stinknormal – und heute wie ein umnebelter Wahn. Unhörbar hat das gedreht, wunderlich schnell.

So rasch, dass man sich gegen eine Frage nicht helfen kann: Was wir jetzt teilen als absolute Normalität – wer deklariert das morgen nicht ebenfalls als Wahn? Anders gefragt: Am Ende des Nikotins schienen wir aufgewacht wie von einem üblen Traum. Und wer versichert uns, wir seien nun endlich wach?

Jede Zeit hält sich für den Zenit der Wahrhaftigkeit. Genau das kennzeichnet später auf ersten Blick ihre überdrehte Mode und Moral, ihre Illusion. Nach zehn Jahren Rauchverbot aber haben wir dafür keine gute Metapher mehr: «Glüht alles kurz, löst sich auf wie Rauch ...» Was sagen wir denn jetzt? Her mit der Stuyvesant Filter!

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