Leichtathletik

Das Erbe von Zürich 2014: Es hält an, ist aber kein Selbstläufer

Analyse von Simon Steiner zu den Perspektiven der Schweizer Leichtathletik vor der WM in Peking: «Vor allem die Frauen-Leichtathletik hat dank den EM in Zürich einen starken Schub erlebt.»

Doch, doch, an Leichtathletik-Weltmeisterschaften waren immer ein paar Schweizer Sportler dabei. Auch wenn deren Auftritte bei den globalen Titelkämpfen in den letzten Jahren selten so gut waren, dass sie uns besonders in Erinnerung geblieben wären. Für das letzte Schweizer WM-Glanzlicht hat Marathonläufer Viktor Röthlin 2007 mit dem Gewinn der Bronzemedaille in Osaka gesorgt. Seither gab es für Swiss Athletics nicht einmal mehr einen Finalplatz zu verzeichnen.

Vor diesem Hintergrund präsentiert sich die Ausgangslage der Schweizer Delegation vor den bevorstehenden Weltmeisterschaften in Peking geradezu komfortabel. Das 16-köpfige Team, das im olympischen «Vogelnest» der chinesischen Hauptstadt zum Einsatz kommen soll, ist nicht nur so gross wie noch selten, sondern weist auch eine bemerkenswerte Qualität auf. Gleich in fünf Disziplinen scheint eine Finalqualifikation realistisch, ohne dass dafür ein Exploit nötig wäre. Nimmt man die Bestenlisten der Saison als Massstab, trifft dies auf Kariem Hussein (400 m Hürden), Selina Büchel (800 m), Nicole Büchler (Stabhochsprung), Noemi Zbären (100 m Hürden) und mit etwas Glück auch die Frauenstaffel über 4 x 100 m zu.

Diese Aufwärtstendenz ist kein Zufall, sondern Teil des EM-Effekts. Die Europameisterschaften vom August 2014 in Zürich haben in der Schweizer Leichtathletik für eine neue Dynamik gesorgt – und damit ihren Zweck in einem zentralen Punkt erfüllt. Das erklärte Ziel der Initianten des EM-Projekts war es von Anfang an gewesen, mit der Durchführung der Titelkämpfe der Sportart hierzulande zu neuem Aufschwung zu verhelfen. Im Kielwasser des Flaggschiffs Zürich 2014 investierte der nationale Verband deshalb bereits vor Jahren in zusätzliche Nachwuchsförderprojekte – und kann jetzt von diesen Anstrengungen profitieren.

Einen starken Schub hat dabei vor allem die Frauen-Leichtathletik erlebt: Die Avantgarde der «Generation 14» ist grösstenteils weiblich. Waren die Männer in den Schweizer Delegationen bei grossen Meisterschaften bis vor wenigen Jahren überdurchschnittlich stark vertreten, so hat sich das Verhältnis inzwischen ins Gegenteil verkehrt. An der WM in Peking zeigt sich diese Entwicklung auf markante Weise: Neben zwei Athleten sind 14 Athletinnen nach China gereist. Dieses Ungleichgewicht lässt sich mit der höheren internationalen Leistungsdichte bei den Männern nur unzureichend erklären. Primär dürfte der Vormarsch der Frauen ein Indiz dafür sein, dass junge Mädchen sich von der Leichtathletik als Alternative zu populären Teamsportarten wie Fussball oder Eishockey verhältnismässig häufiger angezogen fühlen als Buben.

Umso wertvoller ist für die Leichtathletik daher eine Identifikationsfigur wie Kariem Hussein, der durch seinen Europameistertitel von Zürich auch ausserhalb der Stadien bekannt geworden ist. Der Hürdenläufer ist in Peking neben Hallen-Europameisterin Selina Büchel der grösste Schweizer Hoffnungsträger – und könnte im optimalen Fall sogar für eine WM-Medaille infrage kommen. Für Mujinga Kambundji, das andere Gesicht der EM in Zürich, wäre angesichts der globalen Konkurrenz im Sprint bereits der Finaleinzug ein grosser Erfolg.

Für die mittelfristige Zukunft sehen die Perspektiven der Schweizer Leichtathletik sogar noch besser aus. Weder der 26-jährige Hussein noch die 24-jährige Büchel dürften ihren Leistungszenit bereits erreicht haben. Und die folgende Generation hat diesen Sommer mit Goldmedaillen bei internationalen Meisterschaften gleich mehrfach angedeutet, dass noch mehr Talent und Ambitionen vorhanden sind: Hürdensprinterin Zbären gewann den Titel an den U23-EM, Caroline Agnou (Siebenkampf) und Angelica Moser (Stab) wurden U20-Europameisterinnen, Géraldine Ruckstuhl (Siebenkampf) krönte sich zur Weltmeisterin auf Stufe U18.

Der EM-Boom hält also an. Die gewinnbringende Anlage des Erbes von Zürich 2014 ist für den nationalen Verband dennoch kein Selbstläufer.

Die zusätzlichen Bundesgelder, die Swiss Athletics in den vier Jahren vor den Heim-Europameisterschaften erhielt, konnten durch Sponsoren nicht kompensiert werden. Das Budget musste gekürzt und der Trainerstab reduziert werden. Wie nachhaltig der EM-Effekt letztlich ausfällt, wird sich daher erst in einigen Jahren abschliessend beurteilen lassen. Klar ist aber: Die Schweizer Leichtathletik ist deutlich besser in Form als noch vor zwei Jahren bei den letzten WM.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1