Minenfelder sind gefährlich. In Minenfeldern kann man nur beschädigt werden. Deshalb soll man Minenfelder nicht betreten.

Doch diese Minenfelder, um die es hier geht, haben wir selber ausgelegt. In bester Absicht, aber mit schlimmen Konsequenzen. Am Anfang ist es ganz menschlich: Wir sehen das (Flüchtlings-)Elend. Unserer erster Reflex: Die wollen zu uns. Mit diesem Reflex können wir auf zwei Arten umgehen: Mitleid oder Abwehr. Beide Reaktionen schaukeln sich aneinander hoch: Verständnis erzeugt Abwehr und Angst erzeugt Härte. Wir denken «weicher», als wir wollen, und «härter», als wir sind. Ein Paradox. Unsere Gedanken sind polarisiert und das macht sie zu Minen, die hochgehen, wenn man auf sie tritt.

Silvesternacht von Köln

Was hat das mit der Silvesternacht im Bahnhof Köln zu tun? Wir betreten ein Minenfeld, wenn wir uns dazu äussern.

Fangen wir mit einer Beobachtung an. Es ist fast nicht möglich, eine Äusserung zu Köln so aufzunehmen, wie sie gemeint ist. Die Minenfeld-Logik zwingt uns, allen Äusserungen eine Grundsätzlichkeit zu unterstellen, die meistens nicht gemeint ist. Wenn wir mit Verweis auf die kulturelle Herkunft der Täter (Patriarchale Gesellschaft) die Geschehnisse zu verstehen versuchen, wird unterstellt: Die dürfen das, weil sie nichts anderes gewohnt sind. Wenn wir sagen wollen, dass man so etwas hier nicht dulden darf, wird unterstellt: Man ist ein Rassist und äussert nur seine Abneigung gegenüber Fremden.

Die Demonstration nach den Attacken:

Oder noch allgemeiner: Es gibt nur die fröhliche Feier der Multikulti-Gesellschaft, die uns bereichert – oder die Abschottung, weil die «Anderen»  unsere Kultur bedrohen. Alle Argumente fallen früher oder später in diesen oder jenen Topf. Und das genau darum, weil wir ehrlich versuchen, nicht emotional einfach unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, sondern mit Argumenten zu operieren. Und Argumente – so fordert es die Rationalität – fussen irgendwann auf allgemeinen Aussagen.

Keiner ist glücklich

Beobachten wir nochmal – diesmal uns selbst. Keiner ist wohl total glücklich, wenn fremde Leute kommen, die unsere Sitten und Gebräuche nicht achten und unsere Sprache nicht sprechen. Keiner ist aber so hartherzig, dass er nicht ein bisschen Verständnis dafür aufbringt, dass es Zustände gibt, in denen man nicht leben kann.

«Willkommenskultur» heisst also nicht: «Schön, dass ihr gekommen seid. Auf euch haben wir gerade gewartet.» Sondern es ist positive Denke: Es geht leichter, wenn man mit einem gewissen Optimismus an die – an sich unliebsame und sicher nicht leichte – Sache herangeht. Zuversicht hilft, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Die Migrationsströme sind eine Tatsache. Es gibt keine Rezepte, sie zu stoppen, die akzeptabel sind. So ist unsere Welt nun mal. Dass Fremde nach Europa kommen ist ein Faktum, das sich nicht wegreden lässt.

Kriegs- und Gewaltflüchtlinge sind ok, Wirtschaftsflüchtlinge nicht. Die Werte, auf denen diese Unterscheidung fusst, sind weithin akzeptiert. Die Umsetzung in die Praxis ist schwierig.

Massenhafte sexuelle Übergriffe an Silvester in Köln: «Irgendeiner fing an, das wurde dann extremer»

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Niemand diese Flüchtlinge gerufen

Niemand hat nach diesen Menschen gerufen. Auch die nicht, die jetzt dafür einstehen, dass man die Flüchtlinge anständig behandeln soll. Und: Wir hätten gerne, dass «Flüchtlinge» erst mal zufrieden sind, wenn sie bei uns in Sicherheit sind. Das ist nicht so. Man mag von ihnen die Demutsgeste erwarten – die sollen froh sein, dass sie da sein dürfen -, es wird nicht in allen Fällen funktionieren. Das ist nicht leicht zu ertragen, auch für Wohlmeinende.

Was müssen wir also tun? Den Tatsachen ins Auge blicken. Diese Menschen sind da. Wer weiss, wie man das mit akzeptablen Mitteln rückgängig machen kann, soll sich melden. Was in Köln passierte, darf es bei uns nicht geben. Diskussionen, ob Sexdrohungen schlimmer sind als nur das Portemonnaie zu stehlen, sind müssig. Ob es Sex-Spickzettel noch schlimmer machen, auch. Auch hier funktionieren schon wieder Unterstellungen: Man weiss ja auch, welche.

Nochmals: Die Unterstellungen sind polar. Darin gleich sie ein bisschen der oft geschmähten political correctness. Auch dort funktionieren Begründungen, die «vorauseilen»: Man darf etwas nicht sagen, weil es eine unliebsame Reaktion auslösen könnte. Schon nur zu sagen, dass die Polizei wusste, dass da meist Asylbewerber im Kölner Bahnhof waren, geht nicht, weil Munition für Pegida. Und Pegida sagt dann: Da seht ihr, was geschieht, wenn ihr solche Leute in Massen ins Land holt.

Unsere Werte fordern, anständig zu handeln

Jetzt sagte die Bundeskanzlerin: Darf nicht sein. Die Medien sagen: Das ist jetzt die böse Frau Merkel, nicht mehr die gute. Stimmt nicht. Frau Merkel ist manchmal etwas beweglich, aber hier nicht. Auch die gute Frau Merkel war sich bewusst: Die Leute hier haben nicht auf Flüchtlinge gewartet. Aber die Werte, die wir teilen, fordern von uns, dass wir anständig handeln. Wenn wir das aus Freude tun, heisst das nur, dass es besser geht. Nicht, dass wir so tun müssten, wie wenn wir sie gerufen hätten.

Während dem schönen Wetter sagen, dass uns Regen nichts ausmacht, ist keine Kunst. Unsere Werte müssen sich gerade jetzt bewähren, wo die Situation angespannt ist. Unsere Werte zu verteidigen war vielleicht schon lange nicht mehr so schwierig.

Wahrheit oder Irrtum? Darum gehts nicht

Und zum Schluss: Rationale Erörterungen enden – wenigstens prinzipiell – in der Feststellung von Wahrheit und Irrtum. Oder wenigstens beim besseren Argument. Darum geht es hier eben nicht.

Es geht um Tatsachen und Werte. Tatsachen sind da und über Werte kann man nicht urteilen. Tatsache ist, dass es eine gültige Rechtsordnung gibt. Der Staat sollte sie durchsetzen. Auch über Werte kann man diskutieren. Aber man wird nicht unbedingt Recht behalten. Denn aus Werten oder Heiligen Schriften oder dergleichen sind keine Argumente zu erhalten.

Werte helfen dort, wo es keine Wahrheiten gibt. Freiheit? Gerechtigkeit? Menschlichkeit? Das sind Wertvorstellungen, die existieren, auch wenn man die Begriffe meist nicht präzis definieren kann. Man kann dann sagen, dass «Menschlichkeit» deutlich mehr ist, als nur ein Mensch zu sein. Leute mit verschiedenen Werten können zusammen leben, wenn sie wollen. Eine Gesellschaft muss nicht homogen sein – im Glauben, in der Philosophie. Aber es muss klar sein, was gilt.

Ist es richtig, wenn die Polizei auf Schlagstock verzichtet?

Und wenn wir schon im Minenfeld sind: Hat der Staat versagt? Seine Aufgabe ist es, seine Bürgerinnen und Bürger zu beschützen. Die Polizei sagt: Wir konnten nichts machen, es waren zu viele. Hat die Polizei versagt? Sie hat die Lage falsch eingeschätzt, das schon. Aber sie hat sich – so weit man sieht – insofern «vernünftig» verhalten, als Alternativen schlimmere Konsequenzen hätten haben können. Es war falsch, die Massen im Bahnhof zu tolerieren. Aber wenn solche Massen durch Panik in Bewegung geraten – durch Polizeigewalt allenfalls, - wir kennen das aus dem Drama von Duisburg zum Beispiel - kann das Schlimmste geschehen. Menschen können zu Tode kommen. Wenn die Polizei auf ihre äussersten Mittel verzichtet, um Schlimmeres zu verhindern, hat sie zwar nicht korrekt, aber pragmatisch richtig gehandelt. Auch hier bedeutet der Verzicht auf Schlagstock und Tränengas nicht, dass toleriert würde, was geschehen ist.

Silvester 2016 am Kölner Dom

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