Drei Medaillen. So lautete das Ziel von Swiss-Ski vor der WM in Beaver Creek. Drei Medaillen haben Patrick Küng (Gold in der Abfahrt), Beat Feuz (Bronze in der Abfahrt) und Lara Gut (Bronze in der Abfahrt) bisher geholt. Alles gut also? Nun ja: Das Ganze hat, wie die Münze, zwei Seiten.

Patrick Küng feiert sein WM-Gold in der Abfahrt

Das Erfreuliche zuerst: Die Abfahrt der Männer ist die Königsdisziplin eines jeden alpinen Grossanlasses. Und hier haben wir den Österreichern, unseren Nachbarn, der anderen Skination aus den Alpen, eine brutale Niederlage zugefügt. Unser «schlechtester» Athlet (Didier Défago auf Rang 11) war immer noch besser als der beste Österreicher. Genaus so wollen wir das sehen. Die Rivalität mit Österreich ist legendär. In der WM-Abfahrt hatten wir die Nase vorne. Was in Österreich einen kollektiven Aufschrei auslöste.

Natürlich: Küngs WM-Titel ist das erste WM-Gold eines Schweizer Athleten in der Abfahrt, seit Bruno Kernen 1997 triumphierte. Doch das war in diesem Moment egal: Gold für die Schweiz. Und als Zugabe auch noch Bronze von Beat Feuz. Würde man eine Bilanz aufgrund des wichtigsten Rennens ziehen, wir wären top!

Patrick Küng wird von den Fans gefeiert

Die Ansprüche lassen sich nicht mit denen der Österreicher vergleichen

Nur so einfach ist das leider nicht. Wenn man dem österreichischen Verbandspräsidenten vor der WM zuhörte, tönte das wie immer. Mit dem Anspruch einer Skination: «Unser Ziel ist wie immer, sechs bis acht Medaillen», sagte Peter Schröcksnadel. Punkt – und keine Widerrede. Das Ziel haben die Österreicher bereits erreicht. Und weitere Chancen kommen in den verbleibenden zwei Rennen der Weltmeisterschaften.

Vor zwei Jahren an den Weltmeisterschaften im österreichischen Schladming haben die USA den Medaillenspiegel für sich entschieden. Nun revanchieren sich die Österreicher postwendend auf amerikanischem Boden. Die erfolgreichste Nation steht bereits jetzt fest.

Swiss-Ski wünscht sich drei Medaillen. Österreich erwartet mindestens sechs und übertrifft die Vorgabe. Die beiden erfolgreichsten Skinationen der Geschichte unterscheiden sich im Moment sehr. Drei Medaillen: Man könnte das nun schweizerische Bescheidenheit nennen. Oder auch schlicht und einfach: die Realität.

Woran liegt das? Spricht man mit Trainern oder Experten ist immer wieder die Rede von aussergewöhnlichen Talenten, die man nicht planen kann, die einfach kommen. Die Schweiz hat mit Lara Gut eine solche Athletin. Österreich mit Marcel Hirscher und Anna Fenninger deren zwei. Die beiden sind für den Grossteil der Medaillenausbeute der Österreicher an den Weltmeisterschaften in Beaver Creek verantwortlich.

Das Blatt könnte sich schon bald zugunsten der Schweiz wenden

Der Unterschied liegt in der Ausbeute. Unser Supertalent, Lara Gut, gewinnt Bronze in der Abfahrt. Anna Fenninger zweimal Gold und einmal Silber. Bei den Männern fehlt der Schweiz das aussergewöhnliche Talent. Daniel Albrecht wäre ein solches gewesen, doch seine Karriere endete mit einem Schädel-Hirn-Trauma zu früh. Carlo Janka ist seit seinen Herzproblemen nicht mehr der gleiche und Beat Feuz stand durch seine Knieverletzung näher an der Invalidenrente als an der Fortsetzung seiner Karriere. Deswegen ist Bronze eine grandiose Leistung.

Seit einigen Jahren beschwört man bei Swiss-Ski den Nachwuchs in den technischen Disziplinen. Was lange nach einer Ausrede tönte, scheint sich nun zu bewahrheiten. Während bei den Österreichern hinter Marcel Hirscher nichts kommt, hat die Schweiz mit Daniel Yule, Luca Aerni oder Gino Caviezel hoffnungsvolle Talente, die sich auf gutem Weg an die Weltspitze befinden. Und bei den Frauen zeigt das Slalomteam um Wendy Holdener sehr gute Ansätze.

Für diese jungen Schweizer Athleten kommt die WM in Beaver Creek vielleicht noch etwas zu früh, doch sie sind ein Versprechen für die Zukunft. Und dieses fehlt den Österreichern. Somit ist es gut möglich, dass Swiss-Ski für die Heim-WM in St. Moritz dann ein anders Ziel ausruft: Sechs bis acht Medaillen. Wenn dem so ist, dann ist der Schweizer Skisport im Fahrplan. Sollte aber auch in zwei Jahren das Ziel nur drei Medaillen heissen, haben wir ein echtes Problem.