Ohne Apple wäre unser Leben ein anderes. Zwar hätte die technische Entwicklung wohl auch ohne die Erfindungen von Steve Jobs (1955–2011) einen ähnlichen Lauf genommen – doch sie wäre weniger schnell vorangeschritten. Erst mit dem Multi-Touchscreen des iPhones wurden internetfähige Handys 2007 zu dem, was wir heute Smartphone nennen, einem Gerät, das unseren Alltag radikal verändert hat. Und 2010 gelang es Steve Jobs mit dem iPad, die Menschheit zu überzeugen, dass es neben Smartphone und Laptop noch eine dritte Kategorie eines mobilen Computers braucht: das Tablet. Apple war der Innovator, die Konkurrenz hechelte hinterher.

Heute ist das anders: Die Konkurrenz schreitet voran, und Apple rollt das Feld von hinten auf. Diese Woche hat der Konzern seinen Streaming-Dienst Apple Music lanciert. Damit lässt sich (fast) alle Musik gegen eine monatliche Gebühr direkt übers Internet hören – statt einzelne Songs oder Alben zu kaufen, bezahlt man monatlich für den Zugang zur Musik. Apple hat dieses Modell nicht erfunden. Schon seit mehreren Jahren setzen Start-ups wie Spotify und Deezer auf Streaming.

Anders als das iPhone ist die Apple Watch keine technische Revolution

Auch wenn Apple das Musik-Streaming nicht erfunden hat, könnte der Konzern dank seiner Reichweite und seiner Marketingpower diesem Musikerlebnis nun zum Durchbruch verhelfen. Denn mit der Aktualisierung des Betriebssystems iOS lädt sich die App von Apple-Music automatisch auf iPhone und iPad. Apple bedient mit dem neusten Dienst 800 Millionen potenzielle Kunden. Und da diese ja jetzt schon teure Apple-Produkte nutzen, sind sie auch kaufkräftig. Zum Vergleich: Spotify hat 20 Millionen zahlende Nutzer.

Wie Apple Music so ist auch die Apple Watch, die letzte Woche in die Schweiz kam, keine Innovation. Verschiedene Hersteller wie Samsung und LG haben in den letzten Jahren bereits smarte Uhren auf den Markt gebracht. Apple ist das Projekt «smarte Armbanduhr» aber am konsequentesten angegangen, hat aber auch keine Lösung auf die Mängel der Konkurrenz gefunden: Die Bedienung des kleinen Displays am Handgelenk ist eher umständlich, der Akku nach einem Tag leer und die Frage, wozu man eine smarte Uhr überhaupt braucht, noch immer nicht restlos geklärt.

Dennoch könnte die Apple Watch dazu führen, dass die smarte Uhr bei einem breiten Publikum Anklang findet – und wir Technik nicht mehr nur bei uns, sondern an uns tragen. Denn Apple ist Kult und die Gadgets mit dem Apfel-Logo sind Lifestyle-Objekt. Für die Apple Watch kam es am ersten Tag zu so vielen Vorbestellungen wie Uhren mit dem Google-Betriebssystem Android in einem ganzen Jahr gekauft wurden.

Wie ein kleines Kind hat Google Angst, etwas zu verpassen

Auch wenn Apple nun nicht mehr Innovator ist, so verfügt der Gigant dank seiner finanziellen Mittel und seiner treuen Kundschaft noch immer über die Möglichkeit, unseren Umgang mit Technik und Medien massgeblich zu verändern. Diese Macht spielt Apple gekonnt aus. Das erinnert an Microsoft in den 90er-Jahren – bevor der Software-Riese einen Trend nach dem anderen verschlief. So weit ist es mit Apple freilich nicht. Dennoch ist auffallend, dass der Konzern längst nicht mehr als erstes auf sich anbahnende Entwicklungen reagiert. Und es stellt sich die Frage, wie lange das gut gehen kann.

Ganz anders gebart sich Google. Auch wenn der Konzern fast alles Geld mit Internetwerbung verdient, investiert er in alle möglichen Bereiche: Er baut selbstfahrende Autos, lässt Ballone in die Stratosphäre aufsteigen, und schickt Riesendrohnen los, um den Zugang zum Internet in entlegene Gebiete zu bringen. Ausserdem kauft Google so ziemlich alle ambitionierten Robotik-Firmen zusammen und investiert massiv in die künstliche Intelligenz. Dieses Verhalten erinnert an ein kleines Kind, das aus Angst etwas zu verpassen, keinen Moment ruhen kann.

Vielleicht ist diese Getriebenheit aber die einzige Möglichkeit, um in der sich stetig wandelnden Technikbranche zu überleben. Denn die nächste Innovation, die alles verändern wird, kommt bestimmt – und vielleicht gerade dort, wo man sie nicht erwartet. Sie zu verpassen wäre fatal.