«Wir wollen frei sein, wie die Väter waren.» Der Rütlischwur in Friedrich Schillers Drama «Wilhelm Tell»

Zunächst eine kleine begriffsgeschichtliche Provokation: Das griechische Wort «idios» bedeutet so viel wie «privat», in einem gewissen Sinn auch «frei» und «unabhängig». Fieserweise hat sich daraus der Ausdruck «Idiot» entwickelt. Ist am Ende also ein Schwachkopf, wer Freiheit und Unabhängigkeit das Wort redet? 

Gieri Cavelty, Stellvertretender Chefredaktor «Nordwestschweiz»

Gieri Cavelty, Stellvertretender Chefredaktor «Nordwestschweiz»

In jedem Fall und gerade bei überschwänglichen 1.-August-Ansprachen ist es oft so, dass Unabhängigkeit und Freiheit umso lauter beschworen werden, je schlechter es darum in Wahrheit steht.

Man muss dabei nicht einmal an jene Hirnforscher denken, die uns den freien Willen komplett absprechen. Kein Wort auch darüber, welchen Manipulationen und Überwachungsfanatikern wir im Internet ausgeliefert sind. Ebenso soll an dieser Stelle ausnahmsweise nicht die Abhängigkeit der Schweiz von der EU fokussiert werden (Obschon doch die Reisezentrale des Bundes allein fürs vergangene Jahr 2106 Dienstreisen von Bundesangestellten von Bern nach Brüssel ausweist!).

Es gibt keine Unabhängigkeit vom Weltgeschehen

Nehmen wir stattdessen das aktuellste Thema der Saison: Die Schweiz ächzt unter dem Zustrom von Asylsuchenden – Politiker aus dem rechten Lager vermitteln den Eindruck, Bern brauche bloss die Schraube anzuziehen, schon sei das Problem aus der Welt. Tatsächlich aber ist die Flüchtlingsthematik ein globales Phänomen: Weltweit sind 56 Millionen Menschen auf der Flucht, davon bleiben fast 90 Prozent im eigenen Land oder werden von Entwicklungsländern aufgenommen. Die Übrigen bilden dann das Personal dafür, was deutsche und österreichische Politiker dieser Tage den «drohenden Asylkollaps» nennen und eine Mehrheit der Franzosen dazu bewegt, eine Schliessung der Grenzen zu Italien zu befürworten.

Kurz: Die Schweiz ist nur Teil jenes erfreulicherweise sicheren, wohlhabenden und ja, natürlich: freiheitlichen Westeuropas, das Schutzbedürftige wie Perspektivlose anzieht. Dass so viele Menschen unterwegs sind, hat oft genug schlimme Ursachen: Nicht umsonst werden derzeit sechs von zehn Asylsuchenden wenigstens vorläufig aufgenommen. Dieser Umstand, dass wir eben nicht allein sind mit unserem Asylproblem und bei dessen Bewältigung nicht völlig losgelöst vom Rest der Erde agieren können – dieser im Grunde sehr simple Umstand gerät rasch in Vergessenheit, wenn in der Nähe eine neue Asylunterkunft eröffnet werden soll und Anwohner im Chor mit ihren Unterstützern aus der Politik lautstark ihre Ruhe und Unabhängigkeit vom Weltgeschehen fordern.

Natürlich kann und muss die Schweiz nicht jedermann aufnehmen. Das steht gar nicht zur Debatte. Ebenfalls klar ist freilich: Mit ein paar Gesetzesänderungen und mehr Grenzwächtern lässt sich die Sache nicht erledigen. Die Schweiz kann nicht anders, als im Verein mit anderen Staaten darauf hinzuarbeiten, dass langfristig weniger Menschen nach Westeuropa fliehen müssen. Nur in Klammern: Der Zustrom von Menschen aus Afrika wurde lange Jahre vom einstigen libyschen Diktator Gaddafi unterbunden. Italien überwies dafür viele Milliarden Euro nach Libyen, lieferte überdies Kriegsgerät sowie Leichensäcke für tote Flüchtlinge.

Unsere einstige Ruhe vor afrikanischen Asylsuchenden hatte einen hohen Preis. Einen Preis, der sich mit unserem Begriff von Freiheit und mit unserer Selbstachtung nicht vereinbaren lässt.

Auch daran sei erinnert: Während der Balkankriege in den 1990er-Jahren gab es hierzulande im Vergleich zu heute beinahe doppelt so viele Asylgesuche. Der befürchtete Asylkollaps ist ausgeblieben.

Die beste staatliche Freiheit ist der Föderalismus

Selbstverständlich verdient noch die kürzeste Reflexion zum 1. August einen versöhnlichen Schluss. In der Tat darf in diesen Spalten der Hinweis nicht fehlen, dass die offizielle Schweiz im Asylbereich relativ grosszügig agiert. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl haben von den westeuropäischen Staaten nur Schweden, Österreich und Malta mehr Flüchtlinge aufgenommen.

Weil mein Thema eigentlich aber die in Schweizer Politik, Geschichte und Mythologie hochgehaltene Freiheit und Unabhängigkeit ist, doch noch das Folgende: Im morgen Samstag offiziell anbrechenden 725. Jahr ihres Bestehens präsentiert sich die Eidgenossenschaft in einer bemerkenswert guten Form. Eine einzige Zahl bringt es auf den Punkt: Die Arbeitslosenquote liegt bei tiefen 3,1 Prozent.

Gewiss: Am Konjunkturhimmel ziehen Wolken auf. Die Schweiz ist allerdings robust genug, um den Franken-Sturm einigermassen glimpflich zu überstehen. Diese Robustheit nun gründet effektiv ein gutes Stück weit in dem Wert, der «Freiheit» und «Unabhängigkeit» beigemessen wird. Gemeint ist die föderalistische Struktur des Landes mit ihrer weitreichenden Autonomie für Gemeinden und Kantone. Klar wundert man sich oft über den Kantönligeist, und in vielerlei Hinsicht besteht Reformbedarf. Man braucht aber nur einmal von Basel aus über die Grenze nach Frankreich zu blicken, um die Vorteile gegenüber einer zentralistischen Struktur zu erkennen: Im zwar schönen, jedoch von Paris aus ferngesteuerten Elsass beträgt die Arbeitslosenquote über 9 Prozent.

Ein Staat funktioniert grundsätzlich umso besser, je mehr seine Einwohner selbst bestimmen können. Allerdings steht die Schweiz auch damit keineswegs allein da. Wie schon bei der Asylproblematik wird auch hier gerne übersehen, dass wir nicht die Einzigen und gar nicht so einmalig sind: Der traditionell föderalistisch ausgerichtete süddeutsche Raum ist wirtschaftlich kaum minder flott unterwegs. In Baden-Württemberg liegt die Arbeitslosigkeit bei 3,8 Prozent, 3,4 Prozent sind es in Bayern.

Gleichermassen beeindruckend ist mancherorts übrigens die Zuwanderung: Die Stadt München ist im letzten Jahr um gut 100 000 Einwohner gewachsen.

Das kurze Fazit zum 1. August: Unabhängigkeit und Freiheit hochzuhalten, ist keine Idiotie. Wenig zielführend allerdings ist deren nationalistische Verabsolutierung.