Gastkommentar

Zahlen über den SVP-Vorstoss und die Gelder, um Statistiken zu kürzen

Eingang zum Bundesamt für Statistik.

Eingang zum Bundesamt für Statistik.

Im 18. Jh. waren Bevölkerungszahlen und Angaben über Tierbestände (Herden) ein Staatsgeheimnis. Wer sie mit volksaufklärerischer Absicht veröffentlichte, wurde des Landesverrats bezichtigt und bestraft. Das hat sich mittlerweile geändert.

 Heute sind öffentliche Statistiken eine Selbstverständlichkeit – und uns beinahe zu selbstverständlich geworden, sodass wir nicht mehr so recht zu würdigen wissen, welche Dienste uns damit zur Verfügung gestellt werden.

Es ist bereits einige Wochen her, seit die UNO im Oktober den Welt-Statistik-Tag – es ist der zweite seit 2010 – unter dem Motto «Better data, better live» ausgerufen hat. Die mit diesem Tag in Erinnerung gerufene Einsicht bleibt über den Gedenkanlass hinaus aktuell.

Wie wichtig solide Datenerhebung durch die öffentliche Hand ist, merkt man vor allem dort, wo sie fehlt. Zum Beispiel im Libanon, wo noch immer nicht klar ist, wie viele Menschen welcher Konfession in diesem Land leben. Amtliche Statistiken sind aber auch in Gesellschaften unserer Breiten- und Längengrade wichtig.

Statistiken zu führen ist, ein Verfassungsauftrag

Die Führung öffentlicher Statistiken ist in der Schweiz ein Verfassungsauftrag (Art. 65). Parallel dazu gibt es auch die kantonalen Statistiken, für die das gleiche Prinzip gilt: Hier sind Unvoreingenommenheit und Orientierung am Gemeinwohl die wegleitenden Prinzipien.

Dies in Abgrenzung zu privaten Statistiken, die unter Umständen speziellen Interessen dienen. Man kennt ja das Churchill (fälschlicherweise) zugeschriebene Wort, dass er nur an Statistiken glaube, die er selber gemacht bzw. gefälscht habe.

Inzwischen gibt es einen neuen Slogan, dass man nur Statistiken trauen soll, die man selbst verstanden hat.

Statistiken verstehen bedeutet deren Herstellungsweise verstehen, das heisst die hergestellten Zusammenhänge zwischen separaten Zahlenbeständen nachvollziehen können. Gegenüber den Resultaten kann man dann immer noch eine eigene Wertung vornehmen.

Der berühmte Basler Statistiker Hermann Kinkelin (1832–1913) meinte, 1872 vor einem Überhandnehmen der weiblichen Einwohner wegen deren «verhältnismässig verminderter Produktionskraft» warnen zu müssen.

Statistiken können in Anbetracht der transnationalen Verflechtungen immer weniger auf bloss Nationales begrenzt und nach eigenbrötlerischen Methoden zusammengestellt werden, weil sonst die wichtige Vergleichbarkeit nicht möglich ist.

Selbstverständlich wird in der EU den länderübergreifenden Statistiken grosse Bedeutung beigemessen. Leider muss man sich die Schweiz in dieser Dokumentation immer extra dazu denken.

Statistiken helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen

Manchmal genügt ja auch der beschränkte Blick auf die Schweiz mit ihrer innerschweizerischen Vielfalt. Dieser Blick kann uns helfen, die richtigen Entscheide zu treffen. Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamts für Statistik (BFS), unterstreicht die Wichtigkeit von datenbasiertem Wissen jenseits von vagen Annahmen, insbesondere
in Fällen, wenn millionenschwere Investitionen für Verkehrsverbindungen, Schulen, Spitäler, Altersheime, Energieversorgung zu tätigen sind (NZZ vom 20. 10. 2015).

Die berücksichtigten Fragen sagen etwas über die diesbezügliche Wichtigkeitszuschreibung aus. Darum gibt es mehr Fragen über den Strassenverkehr als über Kirchgang oder Sprachkompetenz.

Ans Lebendige geht nun eine Motion der SVP-Fraktion, die in den letzten Jahren auf über 164 Millionen Franken stark gestiegenen BFS-Kosten um 50 Prozent zu kürzen und zugleich Kleinbetriebe von lästigen und Privatkosten verursachenden Datenerhebungen zu befreien.

Der Nationalrat hat dem Vorstoss zugestimmt, der Ständerat hat noch nicht entschieden und wird sich hoffentlich dagegen wehren. Das Paradoxe am rigorosen Sparvorschlag ist, dass er mit seiner Staatsfeindlichkeit insbesondere die für die Schweiz wichtigen mittleren und kleineren Unternehmen, die 98 Prozent der Schweizer Wirtschaft ausmachen, statistisch eliminieren, sie inexistent machen will, was zur Folge hätte, dass keine Auskünfte mehr über konjunkturelle Entwicklungen gemacht werden könnten.

Gegen eine regelmässige Überprüfung der Wünschbarkeit oder gar Notwendigkeit von bestimmten Statistiken ist nichts einzuwenden. Und es ist auch nicht auszuschliessen, das es da und dort unnötige Doppelerhebungen zwischen einzelnen Bundesstellen und zwischen Bund und Kantonen gibt.

Aber ein grober Kahlschlag im Stil von Hodlers Holzfäller schädigt die Landesinteressen, die zu verteidigen die Urheber dieses Vorstosses nicht müde werden, für sich
in Anspruch zu nehmen.

Meistgesehen

Artboard 1