«Fürchten Sie sich vor dem Tod?», wurde Franz Beckenbauer, der «Kaiser» des deutschen Fussballs, mal gefragt. «Ne», antwortete er, «vor dem Tod hab ich keine Angst, ich fürchte mich allein vor der Glatze.» Klasse. Keine Angst vor dem Ende, bloss eine zunehmende Panik vor der Endlichkeit. Dass einmal Schluss ist, lässt sich nicht leugnen, ignorieren schon – also: keine Angst. Dass der späte Schluss sich jedoch früh ankündigt, durch allerlei schleichende Ausfälle – Haarausfall, Potenzabfall, Hautzerfall – , da steckt die Krux. Nicht nur für Beckenbauer, der sie auf eine fast schon existenzphilosophisch griffige Formel bringt: Schlimm ist die Glatze, nicht der Tod.

Was folgt daraus für die Medizin? Dass sie sich nicht im Kampf gegen die Vergänglichkeit übernimmt – doch alles gegen deren Vorboten unternimmt. Sie entzieht Krampfadern, strafft die Haut, ersetzt kaputte Gelenke, tauscht moribunde Organe. Gegen das Schicksal Tod scheint sie machtlos, die Vorläufer-Schicksale hat sie schon ordentlich im Griff – mit dem Ziel, die gesunde Lebensspanne auszudehnen, den Ausbruch von Alterskrankheiten hinauszuzögern. Sodass wir kerngesund, sagen wir, 96 werden, eines Nachts hinfallen, das Becken brechen, in der letzten Etappe unseres Lebens aufwachen, die meist polymorbid wird, nebenbei auch sündenteuer.

Die Evolution hat mit dem Alter wenig im Sinn

Diese finale Phase hinauszuschieben, lässt sich die Medizin immer mehr einfallen. Muss sie auch, die Evolution hat mit dem Alter wenig im Sinn, sie will Nachwuchs, Erneuerung, Zukunft, die Alten wird sie gern zeitig los, die werden sonst leicht verwirrt oder gar dement, weil ihr Genom keine Erfahrung mit so hohem Alter hat. Dagegen tritt jetzt die Biochemie an, sie sucht im Blut von 38-Jährigen nach Zeichen frühen Abbaus und beginnender Demenz. Sie bekämpft nicht einzelne Altersleiden, sie greift in den Alterungsprozess ein. Die Ambition auf Aufschub des Alterns begründet eine neue Ära der Anti-Aging-Medizin. Metformin zum Beispiel, ein altgedientes Medikament gegen Diabetes 2, senkt auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs und Demenz – auch bei gesunden jungen Leuten, das Verlangsamen der biologischen Alterung muss früh erfolgen.

Einen Schritt weiter geht Google mit dem Projekt «Calico». California Life Company zielt auf ewiges Leben, Erlösung vom Tod. Topleute aus Medizin und Biochemie sind an Bord. Die Idee: Aus den enormen Daten, die Google über Leben und Serbeln speichert, wird sich doch herausdestillieren lassen, wie und warum Leben irgendwann dem Tod nachgibt. Schon heute kann eine Kontaktlinse unseren Blutzucker überwachen, eine Smart Watch kann das tägliche Bewegungssoll messen, den Kreislauf kontrollieren. Vom Überwachen zum Anleiten ist technisch kein grosser Schritt. Ein paar schlaue Algorithmen wissen nicht nur rund um die Uhr, was mit mir los ist (Stoffwechsel, Allergien, Koronargefässe etc.), sie wissen überdies in jeder Lage, was gut und richtig ist für mich (Bewegung, Ruhe, Pille, Droge, Askese etc.).

Ich will mich verausgaben und das Leben verschlingen

Aber will ich mich – für eine mögliche irdische Aufenthaltsverlängerung – all dem fügen? Mehr gesunde Jahre? Fabelhaft. Eine weitere vitale Runde? Prima. Doch zum Selbstzweck? Ich bin nicht mein eigener Archivar, ich hänge selber drin, mit Fleisch und Blut, ich will mich verausgaben, das Leben verschlingen, den Barolo auch. Eine lebensverkürzende Tollheit. Muss ich alles tun, mein Leben zu verlängern? Was bringt mir das? Wenigstens mal eine Überraschung? Eine Aufregung? Vergiss es!, zischt der Algorithmus, Aufregung kann tödlich sein.

«Ich bedaure einzig», sagte Margarethe Mitscherlich, die grosse Psychoanalytikerin, als sie 92 wurde, «zu wenig gesündigt zu haben.» Sündigen? Leben statt Schongang – mit dem Risiko von Blessuren. Mehr Passion statt immerzu Prävention. Verschwendung statt Kontrolle – auch um den Preis der Aufenthaltsfristverkürzung. Nur so gewinne ich, was noch mein Alter beleben kann: eine Geschichte, mein Drama, meinen Film, meinen Roman. Kein Mensch wird vergnügt beim Gedanken, allen Verführungen widerstanden zu haben.

Wie alt wollen wir werden? Besser: Wie wollen wir alt werden?


* Ludwig Halser ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation und Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch heisst «Des  Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».