Bundesratswahlen

Widmer-Schlumpf gibt ihr Amt nicht ohne Wehmut ab

Eveline Widmer-Schlumpf will als stolze Finanzpolitikerin in die Geschichte eingehen, nicht als kühle Rechnerin.

Es ist ihr zuwider, dieses Tamtam um ihren Rücktritt. Eveline Widmer-Schlumpf ist zwar keine an der Macht uninteressierte Bundesrätin. Aber sie zieht es vor, mit politischen Dossiers für Aufhebens zu sorgen, nicht mit ihrer Person. Das hat sie auch deutlich zu verstehen gegeben, als sie an der Medienkonferenz ihren Rücktritt bekannt gab. Sie liess die Medien und die Öffentlichkeit zappeln, indem sie zuerst über ein Sachgeschäft referierte, bevor sie den persönlichen Entscheid bekannt gab. 

Spannte ihr Publikum gehörig auf die Folter, war sichtlich nervös und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gibt ihren Rücktritt bekannt.

Spannte ihr Publikum gehörig auf die Folter, war sichtlich nervös und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gibt ihren Rücktritt bekannt.

Aufhebens über ihre Person war ihr immer ein Gräuel. Auch wenn sie unter den Umständen, die sie ins Amt gebracht hatten, damit rechnen musste. Sie machte diese in ihren Augen persönlichen Betrachtungen wett mit einer unvorstellbaren Akribie bei den Sachgeschäften. Die Akribie zeigte sie auch demonstrativ während der Pressekonferenz. Sie zählte wie die einzelnen Konti in einer Buchhaltung die Geschäfte auf, die sie nicht nur acht Jahre als Bundesrätin, sondern zuvor während neun Jahren als Regierungsrätin und Präsidentin der Finanzdirektorenkonferenz initiiert, mitbegleitet und umgesetzt hatte. 

Ob es je wieder ein Mitglied der Landesregierung geben wird, das sich minuziös, chronologisch korrekt und mit allen politischen Schlaufen an die letzten 17 politischen Jahre erinnern wird? Wobei dieser Rückblick insbesondere auf ihr Amt als Finanzdirektorin und Präsidentin der Finanzdirektorenkonferenz sicherlich auch dem Zwecke diente, ihre Legitimation als Justiz- und später Finanzdepartementschefin zu unterstreichen.

Eine kontrollierte Persönlichkeit

Die Bündnerin ist eine sehr kontrollierte und disziplinierte Persönlichkeit, das war auch am Mittwoch wieder zu beobachten. Anders hätte sie die enormen Arbeitspensen gar nicht bewältigen können. Sie tat dies nicht in erster Linie wegen ihres Pflichtbewusstseins, sondern tatsächlich aus Leidenschaft einer Materie gegenüber, die selbst Experten nicht immer durchschauen.

Sie wird ihr Amt deshalb nicht ohne Wehmut abgeben. Sie wird das Mitmischen auf internationaler Ebene vermissen, sie wird die Umsetzung der Unternehmenssteuerreform III auch nach ihrem Rücktritt minuziös weiterverfolgen. Ratschläge wird sie keine erteilen, unabhängig von der Person, die ihr im Finanzdepartement folgen wird. Sie wird sich auch hüten, je einen Kommentar zu ihrer Nachfolgerin oder ihrem Nachfolger abzugeben. 

Acht Jahre Eveline Widmer-Schlumpf: Ein Rückblick.

Acht Jahre Eveline Widmer-Schlumpf: Ein Rückblick.

Während der ganzen harten Zeit, die sie nach ihrer Wahl durchstehen musste, hat sie nie auch nur annähernd ein böses Wort über ihre Gegner verlauten lassen. Sie wurde und wird als Verräterin bezeichnet, als Lügnerin, die alles tut, um an die Macht zu kommen und zu bleiben. Aber nicht einmal dann, wenn sie aufs Widerlichste angegriffen wurde, hat sie sich abschätzig über solche Politiker geäussert.

Ihr Image ist ihr wichtig

Dennoch ist der Magistratin ihr Image nicht unwichtig. Von daher gesehen ist es die logische Folge, dass sie nach dem Ergebnis der eidgenössischen Wahlen 2015 zurücktritt. Dass sie es am Mittwoch getan hat, kommt nicht von ungefähr. Gleich am Wahlsonntag ihren Entscheid kundzugeben, hätte als überstürzte Reaktion interpretiert werden können. Erst dann den Rücktrittsentscheid zu kommunizieren, wenn es als unumgänglich kommentiert worden wäre, wollte sie auch nicht.

Entsprechend dem Respekt dem Regierungsgremium gegenüber hat sie zuerst den Bundesrat informiert. In erster Linie ist sie als Exekutivmitglied schliesslich dem Bundesrat verpflichtet, nicht der Partei, die am Samstag ihren Parteitag abhält. Länger hätte sie allerdings auch nicht zuwarten dürfen. Der Rückhalt in den Mitteparteien schwindet von Tag zu Tag und es hätte nicht mehr lange gedauert, und man hätte ihren Rücktritt unter diesen Umständen als unvermeidbar interpretiert.

Die stolze Magistratin will als Finanzpolitikerin in die Geschichtsbücher eingehen, die wegweisende Finanzentscheide getroffen und durchgebracht hat. Nicht als Bundesrätin, die unter dem Druck einer arithmetischen Konkordanz gar keine andere Wahl hatte. Nach Bekanntgabe ihres Rücktritts, so ist anzunehmen, wird sie wieder an ihren Schreibtisch zurückkehren. Alles andere würde ihrem Naturell widersprechen. Die Familie, die lange auf sie verzichten musste, wird noch zwei Monate warten müssen. Um danach umso mehr auf ihre Rechnung zu kommen.

* Die Publizistin kennt die Bundesrätin persönlich und hat das Buch «Eveline Widmer-Schlumpf – Die Unbeirrbare» über sie verfasst.

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