Hallo, Hal, hörst du mich?» – «Jawohl, Dave. Ich höre dich.»

Seit Stanley Kubricks «2001: Odyssee im Weltraum» rechnen wir alle damit: Früher oder später werden wir mit dem Computer sprechen. Allerdings ist es doch auch so: In Spike Jonzes Film «Her» wäre die Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einem Betriebssystem ohne die betörende Stimme von Scarlett Johansson nicht wirklich überzeugend.

Bis vor kurzem gab einem die Qualität der telefonischen Sprachdienste das Gefühl, beim Logopäden zu sein. Aber die neuesten Entwicklungen, etwa die Steuerungssysteme Siri, Google Now oder Cortana, bringen uns ein Szenario näher, in dem Maschinen von blossen Werkzeugen schrittweise zu wirklichen Gesprächspartnern werden. Denn so viel steht fest: Für den Menschen ist die Stimme mehr als ein Werkzeug.

Schon der Philosoph Hegel sagte: «Die menschliche Stimme ist die Hauptweise, wie der Mensch sein Inneres kundtut. Was er ist, legt er in seine Stimme.» Mit der Stimme entblössen wir uns als sprechende Subjekte gegenüber anderen. Man kann schreiben, ohne einen Adressaten zu haben. Aber man geht davon aus, dass Worte, die jemand laut ausspricht, irgendwie an jemanden gerichtet sind. Ist dies nicht der Fall, gilt man in der Öffentlichkeit als verrückt.

Fehlt ein realer Gesprächspartner, fühlen wir uns unbeholfen, egal ob andere uns zusehen oder nicht. Deshalb ist es manchen peinlich, mit einem Anrufbeantworter zu reden. Wer es sich nicht gewöhnt ist, fühlt sich verlegen, ein Tier oder einen Säugling anzusprechen – denn er nimmt diese nicht als verstehende Subjekte wahr. Eine Ausnahme betrifft das Singen: Hier richtet sich die Stimme nicht unbedingt an einen anderen. Wenn wir den allein lebenden Nachbar beim Singen hören, denken wir, er sei fröhlich. Wenn wir ihn allein reden hören, machen wir uns Sorgen.

Dieses Unbehagen entsteht aus der besonderen Selbstwahrnehmung, wenn wir sprechen. Der Philosoph Jacques Derrida schrieb dazu in «La voix et le phénomène» (1967): «Die Operation des ‹Sich-sprechen-hörens› ist eine Selbstaffektion von einer absolut einmaligen Art. Wenn ich spreche, dann gehört es zum Wesen dieser Operation, dass ich mich in der Zeit, in der ich spreche, höre.» Oder kürzer: «Die Stimme hört sich und sie versteht sich.» Dieser Selbstbezug ist keine perfekte Selbstwiderspiegelung. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem redenden und dem hörenden Selbst. Das Reden verlangt und erzeugt einen Adressaten.

Fehlt ein realer Gesprächspartner, müssen wir ein Subjekt hervorbringen. Nur so können wir uns von dem Gefühl des Unbehagens lösen. Und so entsteht, nach der ersten Verlegenheit, eine neue Vertrautheit beim Reden mit Babys, Tieren oder gar Pflanzen. Irgendwie haben wir es geschafft, Subjektivität in diese stummen Gesprächspartner hineinzuprojizieren. Mit Maschinen, die sogar antworten können, dürfte Ähnliches passieren: Die simple Eingabe von Befehlen wird schrittweise durch das Empfinden abgelöst werden, dass wir mit den Maschinen effektiv reden. Dabei wird es vollkommen einerlei sein, ob die Maschine nun eine «echte» künstliche Intelligenz ist oder eben einfach nur eine Maschine.

Befehle wie «Öffne Suchmaske» oder «Ein Mail schreiben» machen noch kein Gespräch. Im Aktivierungsbefehl «Okay Google» klingt das «Okay» aber bereits wie eine Art Anerkennung seitens des Sprechers, im Sinne von: «Jetzt hör mir mal zu, ich werde was sagen ...» Dieses Phänomen akzentuiert sich bei Formulierungen, worin der Benutzer selbst vorkommt, etwa in: «Ich möchte ...» oder «Zeig mir...».

Irgendwann werden vielleicht Sätze angewendet wie: «Soll ich wiederholen?», «Hast du mich verstanden?» oder, wie Dave in Kubricks Weltraum-Odyssee: «Hörst du mich?»

Manche betrachten die Vermenschlichung der Maschine mit Besorgnis. Für den Informatiker und Schriftsteller Jaron Lanier etwa würde dies dazu führen, dass wir den Maschinen gegenüber übermässig respektvoll werden. Der gesunde Unterschied zwischen Mensch und Maschine würde dann an Unschärfe verlieren. Das sei gefährlich. Gemäss Lanier sollten wir immer in der Lage sein, ohne Bedenken den Stecker zu ziehen.

Und so passiert es bei Stanley Kubrick, als Hal ausser Betrieb genommen wird. Der Computer versucht es auf die Mitleidstour. «Was hast du eigentlich vor, Dave?», fragt Hal. «Ich habe Angst, Dave.» Für Dave gibt es nur einen Weg, um sich selbst davon zu überzeugen, dass er gerade eine Maschine ausschaltet und niemanden tötet: Er antwortet nicht und schweigt.

Emanuele Arielli Der Psychologe lehrt an der Universität Venedig. Sein Schwerpunkt ist die Kommunikationspsychologie.