Und fast ein Viertel gibt an, sich nach der Arbeit ausgelaugt oder erschöpft zu fühlen. Die Personalabteilung reagierte ziemlich ernüchtert ob des Ergebnisses und diskutierte mögliche Massnahmen: Eine Stabsstelle «psychische Gesundheit» gründen, so wie man eine Stabsstelle «Gender» oder «Elder care» gründet? Die Vorgesetzten in Workshops schulen, sodass sie frühzeitig erkennen, wenn sich ein Erschöpfungszustand einzustellen droht? Eine bessere Feedbackkultur schaffen? Eine Schulung anbieten, «wie gebe ich dem Mitarbeitenden richtig zu verstehen, dass ich ihn wertschätze»? Modernere Arbeitsformen fördern, sodass die Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung zu Hause besser gelingt, was einer ausgeglichenen Psyche dienlich sein kann?

Ist ein «heimisches Gefühl» im Büro nicht auch wichtig?

Nicht nur Grossunternehmen, auch halbstaatliche Betriebe wie die Swisscom und die Post haben fixe Arbeitsplätze sowie Festnetztelefonnummern abgeschafft. So fällt nicht mehr auf, wenn jemand statt des Arbeitens in der Firma das Homeoffice pflegt. Mitarbeitende sind mit dem Handy unterwegs und können sich mit dem Laptop unter dem Arm auf einem der vielen Sitzecken gemütlich installieren, um ihre Arbeit ortsungebunden zu erledigen.

Doch ist ein etwas persönlich ausgestatteter Arbeitsplatz, die regelmässige Begegnung mit Mitarbeitenden aus dem gleichen Team auch ausserhalb von Sitzungen nicht wichtig, um ein gewisses «heimisches Gefühl» im Büro aufkommen zu lassen? Schliesslich verbringen wir – selbst wenn wir einen Teil unserer Arbeit zu Hause erledigen – immer noch viele Stunden in der Firma. Da schätzt man vielleicht die Fotos der Kinder auf dem Pult, die Lieblingsteetasse oder die Pflanze, die mit einem die Stelle wechselte und dabei nie einging. Regelmässige Begegnungen mit dem gleichen Team bieten auch die Gelegenheit, zu bemerken, wenn es einem Kollegen nicht so gut zu gehen scheint. Bei der kurzen Begegnung auf dem Sofa in wechselnder Besetzung ist das schwieriger.

Die Diskussionen rund um mögliche Massnahmen waren lang und intensiv. Zu meinem grossen Erstaunen wurde nur ein Thema nicht debattiert: ob die Resultate der Mitarbeitendenbefragung nicht zunächst analysiert werden müssten, bevor man gleich in Aktivismus verfällt. Auch ich leide nicht selten an Schlafstörungen. Aber lange nicht immer aus beruflichen Gründen. Manchmal trinkt man bei einem gemütlichen Abendessen ein Glas zu viel, hin und wieder ärgert einem der Partner so sehr, dass man den Schlaf nicht findet, und ab und zu bringt einen der pubertierende Sohn zur Weissglut – es gibt viele Gründe, nicht gut zu schlafen.

Heute gehört es zum guten Ton, unter einer «Störung» zu leiden

Heute aber ist es «in», sich ausgelaugt, matt oder beruflich überfordert zu fühlen. Es gehört fast schon zum guten Ton, Störungen zu haben und sie mit der beruflichen Situation in Verbindung zu bringen. Zugegeben, die Anforderungen am Arbeitsplatz sind gestiegen. Kaum jemand hat seinen Job noch auf sicher, praktisch kein Unternehmen mehr, das nicht Personal abbauen muss.

Ist die psychische Gesundheit angeschlagen, kann das teuer zu stehen kommen. Also sind Überlegungen, wie man sich präventiv schützen kann, sicher gut investierte Gedanken. Wenn man aber gleich Stabsstellen schaffen will und den Bonus für Vorgesetzte von der möglichst geringen Anzahl psychischer Fälle abhängig macht, schiesst man übers Ziel hinaus. Mit gesundem Menschenverstand, mit natürlichem Respekt gegenüber seinem Umfeld kann am ehesten erkannt werden, wie es um die Mitarbeitenden steht. Eine richtig dosierte Wertschätzung zum richtigen Zeitpunkt bewirkt mehr als beispielsweise die Externalisierung des Problems an eine Stabsstelle.

Die Antwort auf eine Frage blieb im Raume stehen: wie man mit Arbeitskräften umgeht, die nachweislich und «echt» mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Die Dienstchefinnen und Dienstchefs der Stadtverwaltung gaben nämlich ehrlich zu, kaum jemanden anzustellen, aus deren Bewerbungsunterlagen hervorgeht, dass sie an einer Depression gelitten haben. Hier wäre anzusetzen. Zugunsten der finanziellen Lage der Sozialversicherungen. Und zugunsten des Individuums.

*Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tagesanzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.