Debatte

Schreckgespenst Lehrplan 21?

In Form von Kompetenzen wird formuliert, was die Schülerinnen und Schüler am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres wissen und können sollen. (Symbolbild)

Im Lehrplan 21 wird der Bildungsauftrag an die Schulen beschrieben.

In Form von Kompetenzen wird formuliert, was die Schülerinnen und Schüler am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres wissen und können sollen. (Symbolbild)

Georg Müller, emeritierte Professor für Staatsrecht, äussert sich in diesem Gastkommentar zur Debatte um einen einheitlichen Lehrplan und um «Kompetenzen».

Im Mai 2006 haben Volk und Stände mit grosser Mehrheit eine neue Bildungsverfassung angenommen, die unter anderem die Zuständigkeit von Bund und Kantonen neu regelt. Es ging vor allem darum, die kantonalen Schulsysteme zu harmonisieren, deren Unterschiede als nicht mehr zeitgemäss empfunden wurden – und als unzumutbar für Familien mit schulpflichtigen Kindern, die von einem Kanton in einen anderen umziehen. Die Verfassung enthält seither eine Bestimmung, welche die Kantone verpflichtet, Schuleintrittsalter und Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen und deren Übergänge sowie die Anerkennung von Abschlüssen anzugleichen. Erfüllen die Kantone diese Aufgabe nicht unter sich, so erlässt der Bund die notwendigen Vorschriften.

Seither ist die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos-Konkordat) abgeschlossen worden und in Kraft getreten. 15 Kantone haben das Konkordat angenommen, 7 haben es abgelehnt. In vier Kantonen ist die Beitrittsfrage noch offen. Das Konkordat legt die übergeordneten Ziele der obligatorischen Schule, das Schuleintrittsalter und die Dauer der Schulstufen fest, und sieht vor, dass Lehrpläne und Lehrmittel auf sprachregionaler Ebene harmonisiert werden. Die Erziehungsdirektorenkonferenz wird ermächtigt, mit qualifizierter Mehrheit über nationale Bildungsstandards zu beschliessen.

Im Auftrag von 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantonen ist der Lehrplan 21 ausgearbeitet worden, zu welchem diese Kantone Stellung nehmen konnten. Er wurde aufgrund dieser Stellungnahme überarbeitet und im Oktober 2014 verabschiedet. Im Lehrplan 21 wird der Bildungsauftrag an die Schulen beschrieben. In Form von Kompetenzen wird formuliert, was die Schülerinnen und Schüler am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres wissen und können sollen. Dieser Lehrplan, den die Kantone nach der neuen Bildungsverfassung erlassen müssen, stösst in gewissen Kreisen auf heftige Kritik. In mehreren Kantonen wird er politisch bekämpft, zum Teil mit Volksinitiativen, die dessen Einführung verhindern sollen. Ein Argument der Gegner ist die «Kompetenzorientierung» des Lehrplans: Der Lehrplan vernachlässige das Wissen und fördere einseitig Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler.

Als (pensionierter) Uni-Lehrer reibt man sich verwundert die Augen. Schon vor mehr als 20 Jahren wurde uns in den hochschuldidaktischen Kursen beigebracht, dass man für den Unterricht in einem Fachbereich Lernziele formulieren müsse, um den Studierenden aufzuzeigen, was sie am Schluss der Vorlesung und dann in den Prüfungen können (nicht nur wissen!) müssten. Es ging (und geht noch heute) also darum, dass kein blosses Stoff- oder Fachwissen vermittelt wird, sondern die Fähigkeit, dieses Wissen auch anzuwenden. «Verstanden» hat man eine Materie erst, wenn man damit etwas anfangen kann. Blosses Auswendiglernen genügt also nicht, das war und ist die wichtigste Botschaft. Wissen ist zwar notwendig, aber nicht ausreichend. Für Juristinnen und Juristen sind zum Beispiel Begriffe wie derjenige der Verfassung, des Gesetzes, des Vertrags oder der Verfügung von grosser Bedeutung. Man muss sie deshalb zuerst einmal kennen, dann aber auch anwenden können, das heisst in der Lage sein, sie von anderen Begriffen abzugrenzen, zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen einem Vertrag und einer Verfügung? Was gehört in eine Verfassung, was in ein Gesetz? Die Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 führt also nicht zu einem Abbau des Stoffwissens der Schülerinnen und Schüler, im Gegenteil. Es sollen auch nicht primär berufliche Fähigkeiten gefördert werden. Durch die Anwendung des erworbenen Wissens wird das Verständnis verbessert und vertieft.

Ein Lehrplan ist kein Gesetz, sondern eine Umschreibung von Zielen, die im Schulunterricht erreicht werden sollen. Er richtet sich nur an die Lehrpersonen, nicht an die Schülerinnen und Schüler. Mit welchen Mitteln und Methoden unterrichtet wird, legt der Lehrplan nicht fest. Darüber entscheiden die Schulen bzw. Lehrpersonen im Wesentlichen selbst. Die Aufregung in der Politik über den Lehrplan 21 ist deshalb nach meiner Meinung unbegründet. Natürlich ändert sich einiges bezüglich des Unterrichtsstoffes. Er ist vielleicht auch komplizierter und länger als nötig. Aber das ist das Resultat des Einigungsprozesses von 21 Kantonen auf einen gemeinsamen Lehrplan, an dem sehr viele Fachleute und Vertreter der Kantone mit unterschiedlichen Auffassungen beteiligt waren.

Wenn die Harmonisierung der Lernziele scheitert, wird der Bund anstelle der Kantone aktiv werden. Das sieht die neue Bildungsverfassung vor. Ich habe sie seinerzeit als überzeugter Föderalist abgelehnt, weil ich gegenüber Bundeslösungen im Schulbereich skeptisch bin. Jetzt sollten wir aber den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen. Der Widerstand in der Umsetzungsphase ist unvernünftig.

Autor Georg Müller ist emeritierter Professor für Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Gesetzgebungslehre der Universität Zürich. Er lebt in Erlinsbach AG.

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