Als einen Publikumsliebling darf man ihn sicher bezeichnen, aber der Begriff Volksschauspieler – so sehr er für Männer von Heinrich Gretler bis Mathias Gnädinger passt – scheint auf Bruno Ganz unanwendbar.

Das hat nun nichts mit mangelndem Charisma oder allfälliger Abgehobenheit zu tun, sondern damit, dass weder seine Aura noch seine künstlerischen Ansätze dem Bild eines populären Sympathieträgers entsprechen. Wenn Bruno Ganz eine Rolle spielt, dann ist keine emotionale Urgewalt am Werk, sondern ein denkender Mensch mit Methode, der seine Charaktere sorgsam und detailverliebt komponiert.

Bruno Ganz hat viel Charme, er hat ihn immer gehabt und er wird ihn immer haben, aber nicht zuletzt deshalb, weil er sich jegliche Anbiederung beim Publikum verbietet. In Interviews mag er leicht distanziert wirken; die Korrektheit seiner Antworten gewichtet er sichtlich höher als die Möglichkeit, verführerisch zu sein.

Er begriff, dass er sein Spiel für die Leinwand zu drosseln hatte

Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad auch der Verlauf der Karriere von Bruno Ganz, der sein heutiges Image nährt: Der 1941 in Zürich-Seebach geborene Ganz war kaum zwanzig Jahre alt, als er die Schweiz verliess und sich auf deutschen Bühnen als Charakterdarsteller zu etablieren begann. Und zwar unter der Ägide von intellektuellen Ensembleleitern, Regisseuren und Autoren, die alle gerade dabei waren, Theatergeschichte zu schreiben: Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann, Luc Bondy, Thomas Bernhard. In diesen Zusammenhängen war Bruno Ganz das Gesicht einer neuen Generation, und er mischte sich auch in die politischen Debatten ein, die einige dieser Produktionen nach sich zogen.

Der Filmdarsteller Bruno Ganz hingegen erwachte erst in den späten Siebzigern und positionierte sich vorwiegend im deutschen Autorenkino. Die Überraschung dabei: Ganz begriff quasi aus dem Stand heraus, dass er sein Spiel für die Leinwand zu drosseln hatte. Sein Name wurde einige Jahre lang synonym mit abgründigen und undurchsichtige Figuren, deren Motivationen und Gefühle dem Publikum verborgen blieben, etwa – geradezu emblematisch für diese Phase – in Wim Wenders’ grossartigem Thriller «Der amerikanische Freund».

Bruno Ganz in seiner Paraderolle als Adolf Hitler in «Der Untergang»

Bruno Ganz in seiner Paraderolle als Adolf Hitler in «Der Untergang»

Aus dem Film "Der Untergang" von 2004. Direktor: Oliver Hirschbiegel mit Bruno Ganz als Hitler. Rechte bei Constantin Film Produktion.

Mittlerweile hatte sich Bruno Ganz dank seinen Sprachkenntnissen auch Standbeine in Italien und in Frankreich geschaffen. Seinen Einzug in den Schweizer Film – nach einigen jugendlichen Filmauftritten in den frühen Sechzigern – vollzog er schliesslich 1981 fast zeitgleich in der Romandie mit «La provinciale» von Claude Goretta und in der deutschsprachigen Schweiz mit Kurt Gloors Drama «Der Erfinder».

Danach setzte Ganz seine internationale Karriere fort, manchmal mit alten Weggefährten, aber oft auch auf der Suche nach Neuland. Nicht immer ging diese Rechnung auf: Der cineastische Output von Ganz aus den Neunzigern hat sich aus dem kollektiven Gedächtnis verabschiedet – eine Ausnahme wäre allenfalls der heute noch vergnügliche anzuschauende Krimi «Brandnacht» (1993).

Dank Hitler und Youtube auch in den USA ein Star

Doch im Jahr 2000 folgte gleich ein mehrfacher Paukenschlag: In «WerAngstWolf» liess sich Bruno Ganz von der anarchischen Kamera des Bielers Clemens Klopfenstein einfangen – selbst für seine Verhältnisse ein gewagter Schritt, wenn man bedenkt, wie stark sich der Professionalismus von Ganz mit der völlig unvorhersehbaren Herangehensweise Klopfensteins beisst.

Im gleichen Jahr auch ein medialer Coup: Anlässlich der Expo 2000 in Hannover spielte Ganz die Hauptrolle in einer ungekürzten Fassung von Goethes beiden Faust-Dramen: Ein 21-stündiger Theatermarathon unter der Regie seines Wegbereiters Peter Stein. Und ebenfalls im Jahr 2000 auch noch ein grosser Kino-Publikumserfolg, diesmal aus Italien: Die romantische Tragikomödie «Pane e tulipani» von Silvio Soldini.

2004 schliesslich wurde er als Adolf Hitler in «Der Untergang» selbst in den USA zum Begriff – und dank unzähligen Internet-Parodien auf seinen Hitler-Auftritt zu einem YouTube-Star wider Willen. Die heutige Jugend kennt ihn allerdings als den Alpöhi in «Heidi», einem der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten: als grantigen, aber warmherzigen Bergler mit angelerntem Bündner Dialekt. Wird er also auf die älteren Tage nun doch zum Volksschauspieler? Vielleicht, aber auch das ist für jemanden wie Ganz nur eine Rolle unter vielen.