Kolumne

Pragmatiker dringend gesucht

Eine Kolumne von Christian Wanner zur Lage der «überoptimierten» Nation vor den Herbstwahlen. (Symbolbild)

Eine Kolumne von Christian Wanner zur Lage der «überoptimierten» Nation vor den Herbstwahlen. (Symbolbild)

Abläufe sind kompliziert, die Regelungsdichte nimmt weiter zu und oft nimmt das Verständnis für die Sorgen und Nöte vieler Bürgerinnen und Bürger ab. Eine Kolumne von Christian Wanner zur Lage der «überoptimierten» Nation vor den Herbstwahlen.

Unlängst traf ich einen ehemaligen Kollegen aus meiner Zeit im Bundeshaus. «Es ist alles anders geworden», meinte er. Und darunter verstand er wohl: schwieriger. Meine Einwände, dass dies oft nur die eigene Wahrnehmung sei, wollte er nicht gelten lassen. Etwas nachdenklich zurückgelassen, sinnierte ich seiner Aussage nach. Hat er recht? 

Natürlich liegt auch hier, wie fast überall, ein Körnchen Wahrheit drin. Selbstverständlich hat sich vieles geändert und nicht alles nur zum Besseren. Aber unsere Gesellschaft wird nie eine vollkommene sein, auch wenn gewisse Eiferer uns dies weismachen wollen. Wenn man die Leute gern hat und solches Verhalten auch von ihnen erwartet, kann man gut mit allen Vor- und Nachteilen einer bestimmten Zeit leben. Mehr noch, manchmal sind die «Überzwärchen», wie man bei uns sagt, nicht einmal die Schlechtesten.

Was mich zunehmend beschäftigt, sind die komplizierten Abläufe, die nach wie vor zunehmende Regelungsdichte und das oft nicht ganz von der Hand zu weisende abnehmende Verständnis für die Sorgen und Nöte vieler Bürgerinnen und Bürger. Beispiel: Leute vor dem Billettautomaten. Halt – höre ich einige sagen, das macht man heute über das Internet. Mag sein. Aber das sagen oft dieselben, die glauben, Wahlkämpfe oder Abstimmungsvorlagen würden im Internet gewonnen. Wie denn – jeder für sich im stillen Kämmerlein oder am Arbeitsplatz?

Meiner Ansicht nach weit gefehlt. Es ist Aufgabe des Staates und der Wirtschaft, auch jene zu berücksichtigen, denen aus unterschiedlichen Gründen die notwendigen technischen Kenntnisse fehlen oder die solches nicht in einem Ausmass tun wollen, wie man sich dies vorstellt. Ich selber zähle mich übrigens auch dazu. Mir ist Wahl- und Abstimmungspropaganda, die ganz gut zu einem späteren Zeitpunkt als Werbung für ein neues Waschpulver verwendet werden kann, zu wenig.

Rastlose Vorwärtsstürmer und konservative Verhinderer

Was ist zu tun – resignieren oder sich für eine Zukunft einsetzen, die auch solchen Bedenken Rechnung trägt? Auch mir ist klar: Betrachtungen im Rückspiegel bringen nichts Positives. Im Gegenteil, die Vergangenheit sieht immer besser aus, als sie war. Nur, die Zukunft wird so oder so abgehalten, ob wir dies wollen oder nicht. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Neuen und Ungewissen allerdings ist eine zwingende Voraussetzung.

Weder blinder Fortschrittsglaube noch das Bekämpfen jeder noch so bescheidenen Reformwilligkeit bringen uns weiter. Wenn sich die rastlosen Vorwärtsstürmer und die konservativen Verhinderer in die Quere kommen, passiert gar nichts. Die Wahlen im kommenden Herbst wären eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken. Unsere Aufgabe ist es, die Zukunft mitzugestalten. Unsere direktdemokratischen Instrumente sind in der Lage, jedes Überschiessen in der einen oder anderen Richtung zu verhindern.

Die Schweiz ist überoptimiert – wo liegt noch ihre Einzigartigkeit?

Zurück zum Anfang. Was ist gut und was ist schlecht im Staat? Darüber lässt sich trefflich streiten und es soll auch darüber gestritten werden. Aufgabe bleibt es, für uns und unser Land möglichst günstige Voraussetzungen zu schaffen. Das hat weder mit Eigennutz noch mit billigem Populismus zu tun. Meine grösste Zuversicht sind die jungen Leute.

Nicht immer sind sie einfach, manchmal auch fordernd in Bereichen, die wir Älteren vielleicht nicht unbedingt als bedeutend ansehen. Doch Fordern ist ihr gutes Recht und wir sollten uns glücklich schätzen, wenn sie davon Gebrauch machen. Ich bin gespannt, wie viele und welche der Kandidierenden für die Wahlen diesen Ball aufnehmen.

Im kommenden Herbst gilt es nun, diejenigen Leute auszusuchen, welche glaubwürdig ihre Generation vertreten. Diejenigen mit Allgemeinwissen. Generalisten statt Spezialisten. Der Zwanzigjährige mit Kenntnissen des geschichtlichen Kontextes vertritt die Jugend, ohne bereits gemachte Fehler neu zu programmieren. Die Siebzigjährige mit lebenslangen Erfahrungen in sozialen Belangen vertritt ihre Altersgruppe, weiss aber auch, was realisierbar ist.

Pragmatiker statt Hetzer, Philosophie statt Verwaltung. Eine Gesellschaft, die viel hat, hat viel zu verlieren. Die Schweiz ist überoptimiert und es ist nicht mehr so klar wie auch schon, was eigentlich ihre Einzigartigkeit ausmacht.

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