«Oh Gott, ich schaffs nicht mehr!», seufzte vor wenigen Tagen die Expo-Mitarbeiterin, die in Milano am Sicherheitscheck stand und meinen Koffer durch den Scanner schob. Sechs Monate lang stand sie hier, Tag für Tag. Maienzug? Badenfahrt? Ein Klacks gegen die Menschenmassen an dieser Expo. Über 21 Millionen Eintritte in sechs Monaten, im Schnitt 115 000 pro Tag, am Ende waren es über 250 000 pro Tag. Auf einem Quadratkilometer Fläche.

Die Frau vom Sicherheitscheck schläft heute zum ersten Mal seit Monaten wieder aus. Irgendwann spät wird sie aufstehen und an einer gewöhnlichen Mailänder Bar einen Espresso bestellen und den «Corriere della Sera» lesen. Ganz für sich alleine. Die Expo hallt aus der Ferne nach. Auch bei mir. Aus Berufsgründen, sozusagen. Warum ist die Expo zahlenmässig ein derartiger Grosserfolg. Was lässt sich von dieser Expo lernen?

Nebst ein paar ausstellungstechnischen Innovationen bot die Expo vor allem eins: ein Abbild dieser Welt. Auf 1000 Quadratmetern Fläche zeigt sich, was auch für das grosse Ganze gilt.

(Ganz viel) Geld regiert die Welt

Gestartet unter dem grossen Motto «Feeding the Planet, Energy for Life», sollte es die erste Expo sein, in deren Zentrum nicht Länder-Pavillons stehen, sondern Themen wie Teilen, Dialog und Zusammenspiel. Ein leiser Wind dieses Geistes wehte da und dort tatsächlich durch diese Expo. Viel offensichtlicher aber zeigt sich: Es sind nicht die hehren Ideen, die die Welt bewegen – sondern die Nationen und Firmen beziehungsweise ihre ökonomische Kraft. Ganz vorne mit dabei Asien und der Nahe Osten, allen voran die Arabischen Emirate. Ihr Pavillon, ein einziges grosses Statement, gebaut vom Stararchitekten Norman Forster. Im Innern grosses Kino: eine rührende Geschichte, gigantisch inszeniert, mit neuster Hologramm-Technik, die Menschen und Räume aus dem Nichts zaubert, dreidimensional. Die Spucke bleibt weg. 90 Millionen soll das Ganze den Arabischen Emiraten wert gewesen sein.

Wenige hundert Meter weiter ein paar kleine einfache Kuben zum Themen-Cluster «Reis»: Laos und Bangladesh und Basmati-Reis inszenierten je einen Pavillon. Mit ein paar aufgezogenen Plakaten auf wackligen Stellwänden, ein paar Objekten in etwas schäbigen Vitrinen und mit ein paar bazar-artigen Verkaufsständen präsentierten sie ihr Land und ihre Reis-Kultur. Etwas peinlich berührt habe ich an der Theke ein Curry im Plastikteller gekauft und mich an einen der Plastik-Stehtische gestellt, nachdem ich den Tisch vom Plastik-Müll befreit hatte.

Anders die Pavillons von Nutella, Coca-Cola, Lindt oder Vanke, dem grössten Immobilienunternehmen Chinas. Letzteres ein beeindruckender Pavillon, entworfen von Daniel Liebeskind, ausgestattet mit 300 Bildschirmen und einer poetischen Videoinstallation – an diesen letzten Expo-Tagen mit einer Wartezeit von zwei Stunden. Der einzige Ort, an dem niemand Schlange stand, war die Installation von Caritas. Dort ging es um das Teilen und um den Hunger auf dieser Welt. Klein, aber fein. Umgesetzt mit leisen Tönen und mit sehr wenig Geld.

Wenn man irgendwo von Dichtestress reden kann auf dieser Welt, dann hier

Überraschender als die Erkenntnis, dass sich mit viel Geld Aufmerksamkeit kaufen lässt, ist das Verhalten der Expo-Besucherinnen und -Besucher. Zwei Stunden Schlange stehen bei Vanke und Korea, sechs Stunden bei Japan und drei Stunden Wartezeit am Schweiz-Pavillon. Überall stand man Schlange, am Eingangstor, bei jedem Pavillon, bei der Kaffeebar und am Glace-Stand. Anstehen fürs Klo, anstehen fürs Bier, anstehen, anstehen, anstehen. Dicht an dicht mit Italienerinnen und Arabern, Asiaten und Europäerinnen. Wenn man irgendwo von Dichtestress reden kann auf dieser Welt, dann hier. Die Menschen aber störte das nicht. Gelassen und fröhlich standen sie zusammen in den Schlangen. Das ist das wahre Wunder dieser Expo. Die Good News aus Mailand an diesem ersten Nach-Expo-Montag.