In diesen Tagen rauchen viele Köpfe, nicht nur im Bundeskanzleramt. Kommentarfunktionen auf Onlinemedien erreichen Rekordwerte und müssen ausgeschaltet werden. Offener Hass bei den einen, Verwirrung der Gefühle bei den andern.

«Verwirrung der Gefühle» nannte der Schriftsteller Robert Musil einen seiner Romane. Doch heute geht es nicht um die Befindlichkeit von Adoleszenten, es geht um Flüchtlingspolitik.

Mit einem Mal ist nicht mehr so klar, wer die Guten sind und wer die Bösen, und viele, die auf mehr Menschlichkeit gesetzt haben, fühlen sich jetzt, als sei ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen worden.

Denn mittlerweile steht fest: Ein Mob junger Männer aus Marokko, Algerien, Afghanistan und anderen Ländern, darunter auch Flüchtlinge und Asylbewerber, haben junge deutsche Frauen auf unerträgliche Weise in die Enge getrieben, belästigt, beschimpft, begrapscht und auch vergewaltigt.

Massenhafte sexuelle Übergriffe an Silvester in Köln: «Irgendeiner fing an, das wurde dann extremer»

Massenhafte sexuelle Übergriffe an Silvester in Köln: «Irgendeiner fing an, das wurde dann extremer»

Die traurigen Vorfälle von Köln könnten eine Wende zur Folge haben. Die Kommunikation der Behörden, zum Teil aber auch die mediale Aufarbeitung folgten offensichtlich dem Bestreben, die Dimension der Vorgänge möglichst lange unter dem Deckel zu halten, zu beschönigen, kleinzureden. Alles wohlverstanden im Dienst einer «guten» Sache.

Dies ist nun gründlich misslungen; mit fatalen Folgen. Das Vertrauen der Bevölkerung in Behörden und Medien ist schwer erschüttert. Vor allem vernebelt dieser «Schönsprech» den Blick auf die Dinge.

Auch dem Schreibenden, obgleich ein erklärter Gegner der politischen Korrektheit, fällt es nicht leicht, über dieses Thema zu schreiben. Als einer, der die Menschen und die Kultur Nordafrikas kennen und schätzen gelernt hat, muss er nun Klartext sprechen und das Risiko eingehen, indirekt Verallgemeinerungen in die Welt zu setzen, welche das Zusammenleben vergiften könnten. Und dennoch führt kein Weg daran vorbei, nüchtern zu analysieren, was eigentlich in Köln, in Hamburg und in Weil am Rhein geschehen ist und wie dies möglich war.

Leider ist festzuhalten: Die tragischen Vorfälle waren, wenn auch nicht im Detail, absehbar. Sie haben mit der Herkunft der jungen Männer, ihren Prägungen, ihren Erwartungen und ihrer ausweglosen Situation zu tun.

Vielleicht hilft in dieser Situation ein Blick zurück. Im Februar 2011 nutzten mehr als 40 000 junge Tunesier das nachrevolutionäre Chaos, um nach Europa abzuhauen. Sie glaubten nicht an eine Chance auf ein besseres Leben und wollten vor allem weg.

Unter ihnen hatte es viele randständige junge Menschen, aber auch entwichene Häftlinge oder informelle Mitarbeiter von Polizeikommissariaten. Das ist mittlerweile aktenkundig. Politische Korrektheit verhinderte es allerdings schon damals, das Thema aufzugreifen.

Wer es tat, wurde tüchtig in den Senkel gestellt: So etwa Thomas Kessler, der damalige Basler Integrationsbeauftragte. Er sprach im Frühjahr 2012 davon, dass 90 Prozent der tunesischen Asylsuchenden Wirtschafts- und Abenteuermigranten seien. Das war eine realistische Einschätzung, und die jüngsten, tragischen Vorfälle scheinen seine Analyse zu bestätigen. Doch die Äusserung war politisch höchst unkorrekt. Kessler wurde in der Folge heftig kritisiert und erhielt von seinem Vorgesetzten einen scharfen Verweis.

Angesichts der gewaltigen Herausforderung, die sich Deutschland und ganz Europa bezüglich der Integration von Flüchtlingen und Migranten stellt, braucht es dringend ein realistisches Bild dieser Menschen.

Dazu gehört es, zur Kenntnis zu nehmen, dass aufgrund der gesellschaftlichen Prägung und der mentalen Voraussetzung der meisten Flüchtlinge viele interkulturelle Konflikte geradezu vorprogrammiert sind.

Konkret: Die jungen Männer tragen ein meist sehr konservatives, religiös geprägtes Frauenbild in sich und fühlen sich einer virilen Machokultur zugetan.

Zumindest nordafrikanische Migranten stammen zudem häufig aus ärmlichen Verhältnissen, und sie wissen, dass sie unter den heutigen Umständen kaum Chance auf Asyl erhalten. Zudem fehlen die Väter und Onkel, welche abweichendes Verhalten in ihrem Quartier, ihrem Dorf scharf sanktioniert hätten.

All dies gilt es bei einer Analyse zu berücksichtigen. Treffen nun solche junge Männer auf die übermässig sexualisierte, aufgedrehte und hedonistische «Partyszene» deutscher Jugendlicher, so ist das Desaster eigentlich vorprogrammiert.

Wie weiter? Gute Frage. Unter den über eine Million Flüchtlingen, die im letzten Jahr allein nach Deutschland eingereist sind, dürften sich Zehntausende junger Männer befinden, die dem oben beschriebenen Profil entsprechen. Sie haben viel Geld für ihre Reise bezahlt, sind nun frustriert und haben nichts zu verlieren. Viele werden sich einer Ausschaffung widersetzen und untertauchen.

Das sind keine guten Aussichten. Doch nur ein realistischer Blick auf diese Gegebenheiten ermöglicht pragmatische Lösungen. Der Spielraum dafür ist nach den jüngsten Vorfällen nochmals deutlich kleiner geworden.

Silvester 2016 am Kölner Dom

Silvester 2016 am Kölner Dom

*Der Autor Beat Stauffer ist freischaffender Journalist mit Spezialgebiet Nordafrika, Referent und Leiter von Kursen und Studienreisen. Der gebürtige Aargauer wohnt und arbeitet in Basel.