Alleine schon der Vergleich West- und Ostdeutschlands nach 1945 bis zur Wiedervereinigung oder die völlig unterschiedliche Entwicklung im prosperierenden neoliberalen Süd- und darbenden antikapitalistischen Nordkorea bis heute liefern offensichtliche empirische Belege für die Überlegenheit offener Gesellschaften, die auf die Kraft des Einzelnen, einen starken Rechtsstaat und eine freie Marktwirtschaft setzen.

Und nichts anderes ist der Kern des Neoliberalismus. Er will, dass möglichst viele Menschen nach ihrem eigenen Gutdünken entscheiden können, was sie tun oder lassen wollen. Die Vorsilbe «Neo» soll dabei signalisieren, dass ein radikaler Liberalismus mit einem Nachtwächterstaat, Manchester-Kapitalismus und einer Laissez-faire-Gesellschaft zu kurz greift. Denn die Wirtschaftsgeschichte liefert genügend Beispiele dafür, dass ein ungezügelter Liberalismus eben gerade nicht die Freiheit aller schützt. Vielmehr führt er zu Macht und deren Missbrauch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und damit zum Nutzen weniger, aber zum Schaden vieler. Deshalb setzt der Neoliberalismus der absoluten Freiheit Grenzen.

So eindeutig es ist, was «Neoliberalismus» meint und was er will, so oft bleibt sein Wesen – manchmal bewusst – unverstanden und, häufig vorsätzlich, missverstanden. Meist in voller Absicht missbrauchen die Gegner den «Neoliberalismus» als Kampfbegriff, der für alles Schlechte dieser Welt von Arbeitslosigkeit bis Umweltzerstörung, Verarmung und Verelendung verantwortlich gemacht wird. Aber es sind längst nicht nur die Linken oder die Libertären, die den Neoliberalismus aus ideologischen Gründen (immer schon) an den Pranger stell(t)en. Die schlimmsten Gegner des Neoliberalismus kommen heutzutage weder von links noch rechts aussen. Sie sitzen in Chefetagen. Niemand hat in den letzten Jahren dem Neoliberalismus mehr geschadet als eine Reihe von Unternehmensleitungen, die im Streben nach Gewinnmaximierung Moral und Anstand, Regeln und Gesetze missachtet und damit die Freiheiten missbraucht haben, die ihnen gerade der Neoliberalismus bietet.

Exemplarisch hierfür steht das Verhalten einer ganzen Reihe grosser, global agierender Finanzhäuser, das alle bösen Vorurteile gegenüber dem Neoliberalismus bestätigt hat. Wenn mit üblen Tricks und illegalen Machenschaften auf den globalen Finanzmärkten Referenzkurse wie der Libor (für Zinsgeschäfte) oder der Forex (für Wechselkursgeschäfte) und damit der Massstab für Finanzgeschäfte im Volumen von täglich vielen Billionen Dollar systematisch getürkt, gefälscht und von Finanzakteuren zu eigenen Zwecken manipuliert werden, wird das Vertrauen in die Ehrlichkeit und Redlichkeit der Unternehmensführungen zerstört. Selbst wenn es am Ende zu einem rechtlichen Vergleich kommt und sich die angeklagten Grossbanken mit Milliardenzahlungen juristisch reinwaschen, bleibt der Skandal moralisch bestehen. Ein Finanzsystem, das derart schwerwiegend aus dem Ruder läuft, dass der tägliche Missbrauch von Gesetzen und ein unanständiges Verhalten gegenüber Kunden über Jahre gang und gäbe war, stellt ganz grundsätzlich das Menschenbild des Neoliberalismus infrage. Zu stark ist in weiten Teilen der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, dass in der Finanzwirtschaft nicht mehr Recht und Gesetz, sondern Lug und Trug, Raffgier und Zockerei das Verhalten in den Chefetagen zu bestimmen scheinen.

Der Neoliberalismus hat der Weltwirtschaft neue Freiheiten in vorher nie gekanntem Ausmasse gebracht. Offenbar aber blieb das «Neo» bei (zu) vielen Entscheidungsträgern auf der Strecke. Zu oft haben in jüngerer Vergangenheit Manager die Vorteile des Neoliberalismus genutzt, ohne der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht zu werden. So wurden Gewinne privatisiert, aber Verluste sozialisiert. Am Sonntag wird das Hohelied für Freihandel und Freizügigkeit gesungen, aber werktags wird für Subventionen, staatliche Förderung und Schutzmassnahmen lobbyiert. Und selbstverständlich werden öffentliche Leistungen gefordert und in Anspruch genommen, aber Steuerumgehungsstrategien verfolgt.

Wenn Unternehmensführungen die Freiheiten des Neoliberalismus nutzen oder gar missbrauchen, um sich ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz, Moral und Anstand selber zu bereichern, ist es an der Zeit, den Neoliberalismus zu erneuern. Weder soll der Neoliberalismus abstrakt der «Wirtschaft» noch konkret einzelnen Interessen dienen. Vielmehr muss er für die Chancengleichheit aller im Wettbewerb auf offenen Märkten sorgen.

Der Ökonom Thomas Straubhaar, 57, gebürtig aus Unterseen (BE), ist seit 1999 Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.