Vor wenigen Monaten hat der Islamische Staat (IS) ein Video verbreitet, das die Enthauptung von 21 ägyptischen Kopten zeigt. An einem Strand am Mittelmeer. Mit der Drohung an das nahe Italien (und Europa) gerichtet: «Heute stehen wir südlich von Rom, in Libyen, einem Land des Islam. Mit Allahs Hilfe werden wir Rom erobern.» Auch wegen der Flüchtlinge sorgt das nordafrikanische Land für Schlagzeilen: Längst hat sich Libyen zum Eingangstor für Menschen aus Nahost und Afrika nach Europa gewandelt: Die Mehrheit der Flüchtlinge, die in Italien landen, haben sich zuvor an einem libyschen Strand in ein Boot gesetzt. Libyen steht im Rampenlicht. Und mit ihm sein einzig durchs Mittelmeer getrennter Nachbar: Italien. 

Kein anderes westliches Land hat bessere Beziehungen nach Libyen. Und das seit mehr als 40 Jahren. Italien wollte vor allem Libyens Öl und Gas. Libyen brauchte im Gegenzug Italien als Handelspartner, weil es selbst keinen Handel aufgebaut hatte. Die enge Beziehung begann mit der Kolonialisierung. Mit dem Vertrag von Lausanne 1912 gab das Osmanische Reich seine libysche Provinz an Italien ab. Nach dem Ersten Weltkrieg anerkannte Italien Sheikh Sidi Idris als Emir von Kyrenaika.

1934 fand Italien Gefallen an der Rolle als Eroberer und gab seiner nordafrikanischen Kolonie erstmals den Namen Libyen. Nach dem Zweiten Weltkrieg florierte die libysche Wirtschaft, vor allem dank italienischen Investitionen in den Strassen- und Eisenbahnbau. Nach den Friedensverhandlungen von 1947 war Libyen unabhängig und der Emir König. Diplomatisch blieb Italien mit dem neuen Königreich eng verbunden, das seine Ölfelder für die internationalen Ölfirmen öffnete.

Der Bruch folgte 1969, als eine Gruppe von Militäroffizieren den König wegputschte. Es folgten vier Jahrzehnte Herrschaft unter Muammar Gaddafi. Zahlreiche Länder wandten sich von Libyen ab, Italien pflegte weiterhin enge diplomatische Beziehungen mit dem nordafrikanischen Land. Nach dem Bombenanschlag auf ein Verkehrsflugzeug der Pan American World Airways 1988 zogen sich die amerikanischen und britischen Ölfirmen aus dem Ölhandel mit Libyen zurück. Italienische Firmen sprangen in die Bresche. Gaddafi gehörten geschätzte 49 Milliarden Euro, investiert an der italienischen Aktienbörse. Dazu war Gaddafi beteiligt an der grössten Bank Italiens, der Uni Credit sowie an Eni, einem italienischen Öl- und Energiekonzern.

Ab dem Jahr 2000 intensivierten Italien und Libyen ihre Beziehung zusätzlich. Libyen hielt fortan illegale Immigranten (auch mit Gewalt) davon ab, von Libyen ins Meer zu stechen, um nach Italien und damit Europa zu gelangen. Als Gegenleistung weibelte Italien in Europa erfolgreich für das Regime und leistete finanzielle Hilfe. Doch Libyen manövrierte sich immer mehr ins Abseits und Italien fühlte sich innerhalb Europas marginalisiert. Schliesslich wandte sich auch Italien von Gaddafi ab.

Mehr noch: Es schloss sich 2011 dem internationalen Militäreinsatz der Nato-Staaten gegen Gaddafi an. Nach Gaddafis Tod anerkannte Italien den Nationalen Übergangsrat. Doch Libyen kommt nicht zur Ruhe: Ein regelrechter Bürgerkrieg zwischen Clans, fundamentalistischen Milizen wie dem IS und einer marginalisierten Regierung macht das Land in mancher Augen zum «failed state». Heute ist Italien eines der letzten europäischen Länder mit einer Botschaft in Libyen. Dabei ist das Land zentral, wenn es um die Bekämpfung des islamistisch motivierten Terrorismus oder um die Bekämpfung der Schlepper geht. Mit der Reaktivierung des Wirtschaftsstandorts Nordafrika könnte Italien dazu beitragen, Europas Mittelmeer-Probleme zu entschärfen. Dazu wären mehrere Schritte möglich:

Italien ergreift die Initiative und setzt den sogenannten Barcelona-Prozess fort, ein Prozess, der zum Ziel hat, ein gemeinsames, friedvolles Gebiet zu etablieren, um Stabilität im Mittelmeerraum zu erreichen. In Zusammenarbeit mit den grossen Nationen könnte Italien einen Plan zu einer Union für den Mittelmeerraum initialisieren.

Das Ziel besteht darin, freien Handel zwischen der Europäischen Union und dem Mittelmeerraum zu etablieren. Heute sind 39 Nationen Mitglied bei der Euro-Mittelmeer-Partnerschaft, davon 28 EU Staaten und neun Partner aus der arabischen Welt: Algerien, Ägypten, Israel, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina, Syrien und Tunesien. Libyen hat seit 1999 Beobachterstatus.

Italien leitet die Wirtschaftskommission für Europa, um bessere ökonomische Integration und Kooperation zwischen den Ländern zu fördern.

Das Modell der ökonomischen Integration in der EU müsste studiert werden und in passenden Bereichen auch in der arabischen Welt umgesetzt werden.

Italien muss seine langjährige Verbindung zu Libyen nutzen, um Stabilität im gesamten Mittelmeerraum, also in Nordafrika und Nahost zu schaffen. Mit dem richtigen Vorgehen können alle Seiten gewinnen. Denn Libyen braucht Italien und Italien braucht Libyen.