Ungewissheit

Keine einfache Antworten auf komplexe Fragen

Wahlplakate in Zürich.

Wahlplakate in Zürich.

Jetzt werden die grossen Versprechen weggeräumt, überklebt oder langsam von der Sonne ausgeblichen: Stabilität und Sicherheit. Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt. Für alle statt für wenige. Alles aus Liebe zur Schweiz.

Das waren die Wahlversprechen der Zürcher Regierungsrats- und Kantonsratskandidatinnen und -kandidaten 2015. Bis zu 3000 Franken haben die Parteien für jedes Grossplakat bezahlt, das an bester Lage drei Wochen lang im öffentlichen Raum Überzeugungsarbeit leistet.

Zur Umsetzung der grossen Versprechen verkünden die Parteien ein einfaches Programm: Alle scheinen zu wissen, wie Stabilität und Sicherheit garantiert werden kann und wie Gemeinsinn gestärkt und gelebt. Zu wissen, was Fortschritt heisst und welchen Preis wir dafür zu bezahlen bereit sind. Zu wissen, was zu tun hat, wer die Schweiz liebt.

Online-Kommentare – wie im Mittelalter

Manchmal wundere ich mich, mit wie viel Gewissheit Politikerinnen und Politiker einfache Rezepte feilhalten. Mit wie viel Sicherheit sie auf die komplexen Fragen unserer Zeit reagieren. Obwohl es zu jeder wissenschaftlichen Studie eine Gegenstudie, zu jeder Meinung eine Zweitmeinung und auf alle Fakten unterschiedliche Interpretationen gibt.

Mit ihren eindeutigen Ansagen stillen sie offensichtlich eine Sehnsucht nach Orientierung und Gewissheit. Und so glauben wir oder nicht. An die richtige Antwort und an richtige Rezepte. An die Schulmedizin oder an die Homöopathie, an den Sozialstaat oder an die Marktwirtschaft, an die eine Partei oder an die andere.

Andere Meinungen als die eigene haben einen schweren Stand: In Online-Kommentaren wähnt man sich allenthalben in mittelalterlichen Zeiten. Grobschlächtig werden Köpfe gefordert und Andersdenkende beschimpft. Aber nicht nur in den Niederungen der Kommentarspalten wird zu oft auf die Person und zu selten auf die Sache gezielt. Neulich hat mich diesbezüglich ein gestandener, sich selber als erzliberal bezeichnender Ökonom überrascht. In einem Gespräch bezeichnete er alle andersdenkenden Fach-Kollegen als «wissenschaftliche No-Names». Damit entkräftete er kategorisch alle Argumente, die seiner Weltanschauung widersprachen, als unqualifizierte Ansichten. In seiner Welt gibt es eine richtige und eine falsche ökonomische Lehre, es gibt eine wahre Lehre und verschiedene Irrlehren. Die Diskussion war im Keim erstickt. Wer Andersdenkende systematisch verunglimpft, macht sein Weltbild immun gegen jegliche Verunsicherung.

Sicher, oft wäre es bequemer, ein klareres Weltbild und klare Rezepte und einfache Antworten auf schwierige Fragen parat zu haben. Zum Beispiel an jenem Tag, als meine Grossmutter auf dem Totenbett lag. Wir waren alle sehr traurig und meine damals noch kleine Tochter fragte mich, ob die Nonna nun schon in den Himmel gehe oder erst später – und wie sie denn dahin komme. Ich zögerte. Und gestand schliesslich ein, dass ich es nicht weiss, weder ob sie in den Himmel kommt, noch wie sie dahin kommen kann. Dass niemand wissen kann, was nach dem Tod kommt. Dass aber viele an etwas glauben. Allerdings viele an etwas anderes.

Sympathie für Janis Varoufakis

Es fiel mir schwer, dem traurigen kleinen Kind so wenig Gewissheit geben zu können. Aber die Ungewissheit war der Anfang eines wichtigen Dialogs über die existenziellsten Fragen der Menschheit.

Ich frage mich, ob es unserer Zeit nicht gut anstehen würde, etwas häufiger einzugestehen, dass es keine einfache Lösung gibt. Etwas mehr auf den Dialog über etwas und weniger auf den Glauben an etwas zu setzen.

«Sie müssen mir nicht glauben, Sie müssen nur zuhören». Dieser Satz gefällt mir. Gesagt hat ihn der griechische Finanzminister Janis Varoufakis, der in diesen Tagen auch öffentlich eingesteht: «Mein Herz ist optimistisch, mein Kopf ist es nicht.»

Dass dieses Geständnis ausreicht, um ein Land aus einer grossen Krise zu führen, will ich nicht behaupten. Aber glaubwürdig und mutig ist es, wenn einer wie er seine Überzeugung nicht als absolute Gewissheit verkauft.

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