Ausbildung

Keine Chancengleichheit

Nachhilfe bringts - doch nicht alle können sich diesen Zusatznutzen leisten. (Symbolbild)

Nachhilfe bringts - doch nicht alle können sich diesen Zusatznutzen leisten. (Symbolbild)

Oft wollen bildungsnahe Eltern ihre Sprösslinge im Gymnasium sehen - ohne wenn und aber. Deshalb schicken sie sie in die Nachhilfe zu teuren Privatlehrern. Das können sich aber längst nicht alle leisten. Die Kolumne von Esther Girsberger.

Eigentlich sollte bei uns zu Hause der Ausnahmezustand herrschen. Unser älterer Sohn macht am kommenden Montag nämlich die Aufnahmeprüfung für das Langzeitgymnasium. Das Gymi wird in Zürich nach der 6. Primarschulklasse begonnen. Der Durchschnitt der Deutsch- und Mathematiknote des letzten Zeugnisses zählt hälftig, die errechnete Durchschnittsnote der Deutsch- und Mathematiknote am Prüfungstag ebenfalls. 

Nun muss ich einräumen, dass wir am «privilegierten» Zürichberg wohnen, mit überdurchschnittlich vielen bildungsnahen Vätern und Müttern. Für diese gibt es eigentlich nur eines: das Langzeitgymnasium. Da kann man das schweizerische Bildungssystem noch so lange und ausführlich erklären, erläutern, dass der Sohn oder die Tochter es selbst nach einer Lehre noch zum Medizinprofessor schaffen kann – es nützt alles nichts: Die Sprösslinge müssen ins Langzeitgymnasium.

Diese Sichtweise haben vor allem auch die Eltern aus Deutschland, für die es nur das Abitur gibt. Dass dieses nicht mit der schweizerischen Matura vergleichbar ist, wissen sie nicht beziehungsweise wollen es nicht wissen. Was mich dazu verleitete, unserem städtischen Vorsteher des Schuldepartements kürzlich ans Herz zu legen, doch auch einmal Integrationsarbeit für bildungsnahe Schichten zu leisten – spätestens ab dem Kindergarten!

Eine Kommerzmaschinerie mit Vorbereitungskursen

Profiteure dieses Zustands sind die Lehrkräfte, die auf privater Basis – im Alleingang oder als Angestellte von privaten Schulen – teure Gymi-Vorbereitungskurse anbieten. Leidtragende sind die Sportvereine und Sportturniere, die nach den Sportferien auf die Hälfte ihrer Sportschülerinnen und -schüler verzichten müssen: Eine Meisterschaft zehn Tage vor der Gymi-Prüfung bestreiten? Ausgeschlossen! Der Sohn oder die Tochter muss an den Wochenenden nämlich mindestens drei Stunden für die Prüfung büffeln.

Mein Mann und ich weigern uns, diese private Kommerzmaschinerie durch unsere Beiträge am Leben zu erhalten. Was allerdings heisst, dass wir uns selber mit dem Sprössling hinsetzen müssen. Nicht, weil unser Sohn grosse Mühe hätte mit dem Stoff. Er ist ein guter Schüler und will die Prüfung aus eigenem Antrieb bestehen. Nur: Die eine Lehrerin hat mir auf meine Frage, warum denn der Sohn das Plusquamperfekt (warum spricht eigentlich niemand mehr von der Vorvergangenheit, wie das zu unserer Primarschulzeit noch der Fall war?) nicht könne, frank und frei ins Gesicht gesagt, das würden sie vor der Gymi-Prüfung nicht durchnehmen. Leider wird diese Zeitform an der Prüfung allerdings abgefragt. Das wisse sie schon, sagte die Lehrerin, aber das Lernziel an der Volksschule orientiere sich an der Sekundarschule und nicht am Gymnasium.

Man wirft mir vor, die Karriere meines Sohnes zu vermiesen

Es schadet weder meinem Mann (der Ingenieur ist, also zuständig für die Mathematik) noch mir (den Geisteswissenschaften zugeneigt), sich wieder einmal mit Gleichungen, Flächenberechnung oder mit den korrekten Kommaregeln auseinanderzusetzen. Zwar könnten wir berufstätigen Eltern uns vorstellen, die nicht gerade ausufernde Freizeit mit anderen Dingen zu verbringen. Andere bildungsnahe Eltern sehen das ähnlich, delegieren deshalb die Vorbereitung und schicken ihre Kinder in diese privaten Gymi-Kurse. Nicht selten muss ich mir sogar den Vorwurf anhören, ich würde unserem Sohn die Karriere vermiesen, weil ich ihn nicht professionell – also eben durch Lehrkräfte an solchen Privatschulen – auf die Prüfung vorbereiten liesse.

Der wahre Skandal ist aber der, dass die Kinder von bildungsfernen Eltern, die sich die private Kommerzmaschinerie nicht leisten können, auf der Strecke bleiben. Wo bleibt da die Chancengleichheit? Wenn nicht die Lehrkraft aus der Volksschule den Sondereffort auf sich nimmt und begabte Kinder aus solchen familiären Verhältnissen auf die Prüfung vorbereitet, ist das Risiko gross, dass diese die Gymi-Prüfung nicht bestehen.

Zur Gymi-Prüfung gehört auch das Schreiben eines Aufsatzes. Vielleicht sollte man sich einmal das Thema «Wer ans Gymi gehört» ausdenken und analysieren, wie viele der Kinder dieses Aufsatzthema (sie können unter dreien auswählen) herausgreifen. Das gleiche Thema in einem Aufsatz zu behandeln, sollte man den Eltern als Pflichthausaufgabe auferlegen. Jede Wette, dass die Kinder einen ehrlicheren Aufsatz schreiben würden als die Eltern.

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