Neue NZZ-Chefredaktion

In der Gegenwart angelangt

Das NZZ-Logo am Hauptsitz in Zürich (Archiv)

Das NZZ-Logo am Hauptsitz in Zürich (Archiv)

Die NZZ-Mediengruppe hat eine dreiköpfige Chefredaktion etabliert. Künftig wird sie der Tages- und Sonntagszeitung der «Neuen Zürcher Zeitung» («NZZ») sowie deren Online-Ausgaben in der Schweiz und Österreich vorstehen.

Zum neuen Führungsteam gehört der frisch ernannte Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» («NZZ») und bisherige Auslandschef, Eric Gujer, «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Felix E. Müller sowie die ehemalige stellvertretende Chefredaktorin des «Stern», Anita Zielina, die ab Mai den Online-Ausgaben in der Schweiz und Österreich vorstehen wird.

Mit dieser Umstrukturierung hat sich das altehrwürdige Flaggschiff des bürgerlich-liberalen Qualitätsjournalismus sowohl personell wie publizistisch und organisatorisch neu aufgestellt. Damit ist der Mutter der NZZ-Mediengruppe – nach langen und irritierenden Querelen in den Jahren zuvor – für ihre Zürcher Kernprodukte ein überraschend konstruktiver Spagat zwischen Tradition und Erneuerung gelungen. Mit einiger Verspätung ist damit auch die «Alte Tante» in der Gegenwart angekommen. Denn auch diese Gralshüterin bürgerlicher Publizistik steht unter dem Zwang, ihre historische Marke in eine ungewisse Zukunft hinüberzuretten. Und also im dichten Nebel unserer Spätmoderne nach Auswegen aus der Printkrise zu suchen. Nach einem neuen, marktkonformen Geschäftsmodell im Zeitalter von Digitalisierung, Globalisierung und nationalen Richtungskämpfen um die bürgerliche Deutungshoheit.

Damit steht das Zürcher Verlagshaus vor der wohl grössten Herausforderung der letzten Jahrzehnte, wenn nicht gar seiner langen, 235-jährigen Geschichte. Nichts schien dieser freisinnig-liberalen Bastion etwas anhaben zu können. Weder der im Kalten Krieg gepflegte Gesinnungs- und Interventionsjournalismus, mit welchem sich die «NZZ» als gepflegtes Sprachrohr des damaligen Bürgerblockes positionierte – mit einer noch starken FDP im Rücken. Noch die daran anschliessende Phase unter Chefredaktor Hugo Bütler – zugleich Geschäftsführer sowohl der NZZ AG als auch einer regional expandierenden NZZ-Mediengruppe wie auch publizistischer Leiter sämtlicher Titel und Produkte des Unternehmens. Es waren dies überaus fette Jahre einer Ära, in der sich die «NZZ» zu einer auflagenstarken und auch kommerziell sehr erfolgreichen, bildungs- und staatsbürgerlichen Forums-Zeitung mit liberalkonservativer Grundhaltung entwickelte. Zu einem undogmatischen, in vielem auch querköpfigen Blatt, welches auch den Aufstieg der rechts- und nationalkonservativen SVP unter Führung von Christoph Blocher in aufmerksamer Ambivalenz, aber grundsätzlich immer kritisch verfolgte.

Demgegenüber hatte Bütlers Nachfolger, Markus Spillmann, sehr viel schwierigere Jahre zu verantworten: massive Einbrüche im Leser- und Werbemarkt; neuartige Konkurrenz durch Gratiszeitungen und Legionen von Internet-Foren; der hauseigene und kostspielige Einstieg in die digitale Welt; gekennzeichnet von immer neuen Strategien und Projekten auf der Suche nach einem Geschäftsmodell für digitalen Qualitätsjournalismus; aber ohne ausgleichende Erträge, dafür begleitet von ständigen, sowohl organisatorischen wie personellen und finanziellen Querelen zwischen Print- und Online-Fraktionen.

Schwierige Jahre waren es aber auch politisch und publizistisch. Neuartig eingeklemmt zwischen einer rasch erodierenden FDP, die sich in der Folge zunehmend rechts von der Mitte positionierte, und dem kontinuierlichen Aufstieg der nationalkonservativen SVP zur stärksten bürgerlichen (Oppositions-)Partei, zu einer populistischen Kampfmaschine gegen die zunehmende Verweltlichung auch der Schweiz, gegen den ausgleichenden Sozial- und Umverteilungsstaat und die gewählten Behörden unserer parlamentarischen Konkordanzdemokratie schlechthin. Der multifunktional überlastete Markus Spillmann wurde zwischen solchen und weiteren Baustellen und Fronten zunehmend zerrieben, war in der Folge auch publizistisch und zeitlich entsprechend wenig präsent. Auch deshalb musste er schliesslich schleichende Kompetenzverluste hinnehmen – begleitet von zunehmenden Spannungen mit dem Verwaltungsrat und den de facto vorgesetzten Konzernchefs, welche das zuvor bei der «NZZ» immerwährende Primat der Publizistik über die Ökonomie seit 2008 in Etappen zu Grabe trugen. Die bloss 8-jährige Ära Spillmann endete schliesslich im vergangenen Dezember mit seiner vom Verwaltungsrat provozierten Freistellung, weil ihm im Rahmen einer neuen publizistischen Führungsstruktur nur noch der Rückzug auf die Rolle eines publizistischen Oberhirten, ohne entsprechende Kompetenzen und Verantwortlichkeiten für die einzelnen Produkte der Marke NZZ offeriert wurde.

Nach der verunglückten Übung mit dem vom Verwaltungsrat designierten Nachfolger, dem rechtsfreisinnigen Intellektuellen Markus Somm – ein politischer Zwitter und ideologischer Brückenbauer zwischen FDP und SVP – hat nun die «NZZ» zu einer guten, liberalkonservativen Lösung zurückgefunden. Zugleich wurden die Chefredaktionen Digital und «NZZ am Sonntag» dem neuen Chefredaktor der Tageszeitung publizistisch gleichgestellt, gemeinsam in die Geschäftsleitung des Mutterhauses berufen und als kollegiales Triumvirat der Konzernleitung des Medienhauses unterstellt. Damit hat auch für die Institution «NZZ» die schwierige Suche nach einer neuen Zukunft, nach Auswegen aus der Printkrise begonnen.


* Der Autor war von 1995 bis 2001 stellvertretender Chefredaktor der «NZZ». Heute arbeitet er als freier Publizist und Berater für Public Affairs. Er wohnt in Erlenbach ZH.

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