Meine steile These für heute: «Hochkultur» wird völlig überschätzt, «Volkskultur» gnadenlos unterschätzt. Und dies von einer absoluten Minderheit, die aber irgendwie die Macht hat, diese Meinung auch im Volk zu zementieren.

Das heisst, auch der einfache Bürger, der noch nie in einer Oper war, wird im Zweifelsfall ein klassisches Konzert kulturell etwas höher einstufen, als ein Schwingfest. Oper, Theater und Literatur war aber immer ein elitäres Vergnügen.

Das Volk hatte Possen und Schwänke. Aber nicht jeder, der sich das hohe Vergnügen nicht leisten konnte, war ungebildet und kriminell, nein, der grösste Teil der Bevölkerung hat schon immer seine Charakterbildung aus der Alltagskultur entnommen, Volkskultur, heute eher verlacht und geschmäht, hat emotional gebildet.

Keine Frage, die anständigsten Leute leben auf dem Land und da gibt es keine Möglichkeit, die dralle Nebtrevko zu hören, will jemand sagen, da gäbe es keine Kultur? Die «Hochkultur» ist ein Vergnügen für eine Minderheit und diese lässt sich das eigene Vergnügen noch von der Allgemeinheit subventionieren, damit dann irgendein hochgejubelter Opernstar eingeflogen und mittels Infusion von 100'000 Franken (auch Steuergelder) zum Jodeln gebracht werden kann. Infusion ist wohl nicht ganz treffend, Einlauf wäre passender.

Aquarellieren hat mit Hitler die Unschuld verloren

Wer hat denn Kriege angezettelt? Etwa der einfache Bauer, die kleine Magd. Nein, es waren die degenerierten Adligen, die auch Zugang hatten zur Hochkultur. Diese haben aus Langeweile, Machtgier, oder einfach, weil die Inzucht ihnen noch die zweitletzte Hirnzelle geraubt hatte, Kriege geführt, die dann der kleine Mann ausbaden musste!

An ihren Höfen aber beschäftigten sie Maler und Dichter. Und Aquarellieren hat mit Hitler auch seine Unschuld verloren. Wer Volksmusik oder allgemein Volkskultur abwertet, zeugt von einer universalen Arroganz und Ignoranz, da er auf plumpe Weise versucht, sich über das Volk zu stellen, ein jämmerlicher Versuch.

Warum komme ich zu meiner These? Wenn morgen Justin Bieber sagt: «Ich esse nur noch vegetarisch», dann ändert das blitzartig viel mehr, als wenn uns tausend Polit-Kabarettisten oder Theaterregisseure auf der Bühne die Folgen unseres Fleischkonsums brillant darlegen.

Jetzt müssen wir nur noch den Justin Bieber und die Miley Cyrus dazu bringen, sich eine zweite Hirnzelle einpflanzen zu lassen und dann könnten wir die Welt im Nu verändern. Ist etwas peinlich, aber es stimmt leider.

Wer hat die Welt mehr verbessert? Goethe, Schiller oder Pilcher

Ein Schwingfest ist zum Beispiel ein vorbildlicher Anlass, dem Menschen Kultur und vor allem Anstand beizubringen. Dem Gegner nach dem Sieg das Sägemehl vom Rücken zu wischen, was gibt es für eine wunderbarere Geste im Umgang mit dem anderen?

Ketzerische Frage: Haben Goethe und Schiller die Welt verbessert? Oder hat vielleicht Rosamunde Pilcher mehr dazu beigetragen, dass Menschen miteinander anständig umgehen? Und das auf ganz einfache Art.

Was ist denn der Unterschied zwischen einer Oper und einem Schwank? Zwei wollen heiraten, Vater ist dagegen, Verwirrung, Verwirrung, dann Happy End. Gut, in der Oper sind dann noch ein paar teure Schauspieler tot, aber das liefert ein guter «Tatort» auch.

Da wird ein Heidengeld aufgetrieben, damit sich die Elite, geigenmässig von Anne-Sophie beMuttern lassen kann. Zugegeben, sie spielt sehr gut, aber da gibt es doch Hunderte, die viel günstiger fast so gut sind. Aber sie spielt halt Klassik, das ist der goldene Schlüssel zum Kulturhimmel. Ist doch wie mit dem Spitzensport, da wird immer so getan, als hätte er einen grossen Einfluss auf den Breitensport und damit auf die Volksgesundheit.

Dummerweise hatten wir noch nie so viele Sportereignisse und gleichzeitig so viel Übergewichtige. Im übertragenen Sinn: Wir hatten noch nie Zugang zu so viel Hochkultur und wir standen noch nie so dümmlich vor unlösbaren, globalen Problemen. Darauf gönne ich mir nun ein Kafi und ein Klima-Gipfeli!

Auf die pseudo-intellektuelle Frage, warum ich auf der Bühne eher Unterhaltung für einfache Leute mache, sage ich jeweils: Mein Publikum ist genau so schlau, wie zum Beispiel das Stadttheater-Publikum, nur.........weniger eingebildet.