Im Geiste habe ich diese Zeilen bereits am Dreikönigstag geschrieben. Meine Kinder setzten mir die Krone auf. Sie waren enttäuscht. Weniger darüber, dass ich gekrönt wurde, vielmehr darüber, dass der König aus Plastik war statt aus Gold. Die Bäckerei hatte mit dem goldenen König geworben, der in einem ihrer Kuchen steckt. Bis Ende Januar kann man diesen, so die Information auf dem Beipackzettel, umtauschen gegen 300 Franken in bar.

Geld statt Geist

Ich reklamierte, der Dreikönigskuchen entpuppe sich damit als profaner Marketing-Gag der Bäckerei und der schöne Brauch hätte mit diesem Geldversprechen seinen Zauber verloren. Meine Kinder fanden das lächerlich. Und sie haben recht: Was solls, Feiertage standen stets im Dienste ihrer Zeit. Und die Zeiten ändern sich. Schliesslich wird an Weihnachten auch nicht die Zahl der Kirchgänger veröffentlicht, sondern jene des Weihnachtsumsatzes, der im Jahr 2014 übrigens «nichts zu wünschen» übrig liess.

Und wenn ich mich selber über Maria Himmelfahrt und über Allerheiligen freue, so muss ich gestehen, hat das auch mehr mit Geld als mit Geist zu tun. An diesen katholischen Feiertagen klettern jeweils die Besucherzahlen unserer Ausstellungen in Lenzburg in die Höhe. Also ist es heuchlerisch, den Bäcker wegen des goldenen Königs anzuklagen.

Asche auf mein Haupt

In meiner Agenda stehen noch 83 weitere Feiertage. Die wenigsten davon kenne ich. Einer hat mich allerdings als Kind tief beeindruckt: der Aschermittwoch. Ich sehe mich noch heute frühmorgens um sechs durch Dunkelheit und Nebel den Kirchweg hinaufschleichen, ehrfürchtig die im Kerzenlicht erstrahlte Kirche betreten, still in der Kirchenbank knien bis es an mir ist, mich in die Reihe zu stellen: «Gedenke, oh Mensch, dass du Staub bist und wieder zur Staub wirst», sagte der Priester und streute mir dabei Asche aufs Haupt. Ich war der festen Überzeugung, dass dies die Asche verstorbener Menschen sei. Ich getraute mich kaum mehr, meinen Kopf zu bewegen und trug mein Haupt den ganzen Tag voller Ehrfurcht möglichst aufrecht. Auf dem Weg von der Kirche in die Schule hatte der Nebel eine neue Qualität: Kalt spürte ich ihn an der Wange, gross war die Freude, unter den Lebendenden zu weilen. Die Vergänglichkeit des Lebens war mir selten so präsent wie am Aschermittwoch.

Und jetzt? Der nächste Aschermittwoch steht vor der Tür. Es mag an unserer Zeit liegen, vor allem aber an mir, wenn mein Weg am Aschermittwoch nicht in die Kirche führt. Die eigene Endlichkeit halten wir uns ungern vor Augen und existenzielle Erfahrungen lassen sich heute auch andernorts machen. Die Feiertage halten wir trotzdem hoch. Dieses Jahr liegen sie leider ungünstig: Sie bescheren uns zwei arbeitsfreie Tage weniger als sonst.

Schwarze Zeiten

Während ich aber diese Zeilen schreibe, sind die Frontseiten aller Zeitungen dunkel. Da und dort ein Kerzenlicht. Bilder von Menschenmengen. «Je suis Charlie.» Angesichts dieser Horrormeldungen aus Paris, angesichts dieser Trauer, dieser Bestürzung, diesem Schock, scheint mir, es sei unangebracht, eine Kolumne den Feiertagen zu widmen.

Doch: Sich mit zusätzlichen Zeilen einreihen in die Welle der Solidarität und Empörung? Mahnen, der Hass auf Muslime sei nicht weiterzuschüren, der Graben in der Gesellschaft nicht weiter aufzureissen und doch sei die Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter unserer Zeit zu verteidigen? Das haben Sie bis zum Erscheinungsdatum dieser Zeilen längst schon alles gelesen.

Die Religion haben wir im Alltag weitgehend vergessen, auch wenn ihre Feiertage in unserem Kalender stehen. In diesen Tagen meldet sie sich auf grausame Art zurück. Aber nur scheinbar. Es ist nicht die Religion, die zurück ist. Es ist Hass, genährt von grosser Unzufriedenheit, im Tarnkleid der Religion.