Kolumne

Fast wie in Brechts Theater

"Merci pour ce moment": Trierweiler und Hollande

"Merci pour ce moment": Trierweiler und Hollande

Geri Müller ist Präsident der Stadt Baden. Valérie Trierweiler war nicht Präsidentin, aber fast.

Er verteidigte seine kompromittierenden Schnappschüsse mit dem Argument, Privates gehöre nicht an die Öffentlichkeit. Sie veröffentlicht pikantes Privates und verteidigte sich mit dem Argument, ihre Sicht als ehemalige Premiere Dame diene der Wahrheitsfindung. Unterschiedlicher könnten die Motive und Positionen der beiden nicht sein. Aber viel spannender ist, wie unterschiedlich das Thema in der Schweiz und in Frankreich aufgegriffen wurde. Die Frage war ja hier und dort die gleiche: Wie viel Privates gehört aus öffentlichem Interesse ins Scheinwerferlicht gerückt und was soll privat bleiben? Während sich hierzulande Medienleute, Politiker, Gerigegner und Geriverteidiger über diese Frage den Mund fusselig redeten, veröffentlichte in Frankreich Valérie Trierweiler ihre Mémoiren. 200 000 Exemplare gingen alleine in der ersten Woche über den Ladentisch. Ein Paukenschlag.

Wer das Buch liest, der erhält zum Einen einen spannenden Einblick in die Machtmechanismen des Élysée-Palasts. Zum Anderen aber ist das Buch auch zum Fremdschämen. Trierweiler gibt derart viele persönliche Details preis, dass man das Gefühl nicht loswird, es handle sich hier um einen Rachefeldzug, weil Hollande ihr unschön den Laufpass gegeben hatte. So erzählt sie, wie François Hollande keine Ahnung vom Preis einer Milchtüte habe, dass er arme Menschen nicht möge, sie erzählt vom ersten Kuss, beschreibt seine Sucht nach Anerkennung und zitiert frisch und frei den Inhalt unzähliger persönlicher SMS und Liebesbotschaften von Hollande.

Der Umgang mit dem Thema ist viel verspielter als in der Schweiz

Bemerkenswert ist aber, wie schon erwähnt, eine ganz andere Dimension. Während die Auseinandersetzung um Privates und Öffentlichkeit in der Schweiz verbissen verlief, war der französische Umgang mit dem Thema viel verspielter. So etwa geschehen am 8. Oktober auf France 2. In «Un soir à la Tour Eiffel» empfängt Moderatorin Alessandra Sublet Nicolas Bedos, Schauspieler und Dramaturg. Er kündigt an, eine Bombe platzen zu lassen. Er werde in einem Buch enthüllen, dass er mit Trierweiler ein Verhältnis gehabt habe, zu jener Zeit, als sie noch mit dem französischen Präsidenten liiert gewesen sei. Diese «News» verbreiten sich rasend schnell über social media, es brummt im Netz. Und – so erfahre ich später – auch die Printmedien waren alarmiert. «Le Parisien» liess bereits während der Live-Sendung verbreiten, Trierweiler habe gegenüber der Zeitung die Liaison dementiert.

Und dann gegen Ende der Sendung die Wende: Bedos lacht plötzlich und gibt zu: alles erfunden, alles inszeniert, alles bloss ein Scherz. Das grosse Augenreiben. Warum hat er alle so an der Nase herum geführt? Er störe sich daran, so Bedos’ Antwort, dass das Privatleben von öffentlichen Personen zunehmend von den Medien seziert werde. Es sei seine Art gewesen, gegen das zu protestieren. Auch wenn Bedos geflissentlich über die Tatsache hinwegging, dass es in diesem konkreten Fall Trierweiler war, die mit ihrem Seelenstriptease zu eben dieser Zurschaustellung beigetragen hatte, im Grundsatz war Bedos’ Argumentation plausibel.

Nur wenn der Zuschauer irritiert ist, denkt er intensiv nach

Und irgendwie erinnerte mich das von Nicolas Bedos inszenierte Medientheater in Paris an das Theater von Bertolt Brecht. Brecht wollte ja auch, das gewisse Phänomene dank des Theaters durchschaubarer werden, damit die Welt zu einer Besseren würde. Brecht benutzte auf der Bühne Verfremdungseffekte, neue Inszenierungsformen. Nur, wenn dem Zuschauer etwas ungewohnt erscheint, wenn er irritiert ist, denkt er intensiv darüber nach, so Brechts Idee.

Aber natürlich ist Bedos nicht Brecht. Bedos’ Verfremdungseffekt war vor allem Eines: Provokation. Ein angeblicher Scoop, verbreitet sich in Windeseile, fliegt als Märchen auf und soll uns – weil wir alle drauf reingefallen sind – zwingen, den Umgang der Medien mit Privatem und unseren Umgang mit Privatem in den Medien grundsätzlich zu hinterfragen. Ob das gelungen ist? Bertolt Brecht würde auf diese Frage tief einatmen, die Brille zurecht rücken und seinen berühmten Satz sagen: «Man kann die Wahrheit nur mit List verbreiten.» Ich bin mir nicht sicher, ob das mit der Wahrheit gelungen ist, ob das überhaupt gelingen kann, aber zumindest darüber nachgedacht haben wir.

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