Peach Weber

Es lebe die Freiheit?

Peach  Weber.

Peach Weber.

Es ist doch komisch, da stehen in einem Land auf der einen Seite Millionen von Menschen, auf der anderen Seite eine Witzfigur, die mit massloser Gewalt diese Millionen von Menschen unterdrückt. Doch bringt uns die Freiheit wirklich weiter?

Letzte Woche erhielt ich eine Anfrage eines nicht genannt sein wollenden Tages-Anzeigers, den Lesern im Rahmen einer Aktion eine Frage zu stellen, die mich schon lange beschäftigt. Spontan kam mir so eine Frage in den Sinn: «Gibt es möglicherweise Länder, deren Bevölkerung einen Diktator will oder gar braucht?»

Eine hinterhältige und komplexe Frage, ich bin fast ein wenig stolz darauf. Sie hat mich in den letzten Jahren immer mehr beschäftigt, nicht zuletzt durch die jämmerliche Ausbeute des Arabischen Frühlings, nach dessen Verwelken, ausser in Tunesien, alles noch viel schlimmer ist als vorher. Da hat man die Diktatoren endlich zu Brei geschlagen und jetzt lässt sich das Volk wieder von anderen Idioten sagen, was zu tun ist. Und ich glaube, in Afghanistan und Irak haben sie bei der, von den Amis grosszügig geschenkten Demokratie, noch nicht mal das Geschenkpapier aufgerissen.

Es ist doch komisch, da stehen in einem Land auf der einen Seite Millionen von Menschen, auf der anderen Seite eine Witzfigur, die mit ihrer Entourage und massloser Gewalt diese Millionen von Menschen unterdrückt. Da kommt nun meine Frage zum Zug. Ist es möglicherweise einfach so, dass die Mehrheit der Bevölkerung halt doch lieber den Diktator hat, der zumindest klare Regeln aufstellt? Oder spüren die Leute sogar, dass sie mit totaler Freiheit nicht umgehen könnten?

Aber die könnten doch einfach uns als leuchtendes Beispiel nehmen, gopfriedschtutz! Wir beweisen doch, dass wir fähig sind, Freiheit auszuleben. Wir sind doch total frei! Klar, wir müssen Steuern zahlen und ab und zu aufs WC, aber sonst können wir doch alles selber entscheiden.

Bei uns dürfen sogar Frauen Auto fahren! Gut, Frauen bekommen noch etwas weniger Lohn, aber kein Grund zu jammern: Sie haben ja bei uns die Freiheit zur Geschlechtsumwandlung!

Und noch ein Beweis unserer grenzenlosen Freiheit: Da kann am Fernsehen ein geistig ziemlich überschaubarer Intelligenzallergiker an einem gebrauchten Slip schnuppern ... kein Problem ... und die Sendung heisst völlig harmlos «Bachelor» und nicht etwa richtigerweise «Nutten-Roulette».

Und doch beschleicht mich auch bei uns das Gefühl, dass wir keine Ruhe haben, wenn wir zu frei sind. Es gibt auch bei uns viele Leute, die sich irgendwie nach einem Führerchen sehnen. Einem brillanten Rhetoriker, der uns eine einfache Lösung bringt und dann: vorwärts marsch!

Einer der dümmsten Sätze, meiner Meinung nach, ist: Ein Hitler wäre heute nicht mehr möglich. Ich will Ihnen ja das Znüni nicht verderben, aber ich prophezeie: Wenn wir eine Hungersnot hätten und eine Arbeitslosigkeit von 50 Prozent, dann könnte es schwupp machen, und wir fänden uns plötzlich inmitten einer Masse feuriger Anhänger eines faszinierenden Dummschwätzers wieder. Da hoffe ich selber inständig, dass ich unrecht habe. Ich drücke mir und uns die Daumen.

Ist es wirklich legitim, unsere westliche Zivilisation als leuchtendes Beispiel hinzustellen für die Welt? Eine Zivilisation, die einfach hemmungslos alles aufbraucht, obwohl sie weiss, dass unsere Kinder daran ersticken werden. Ich glaube, wir müssten etwas mehr Selbstkritik üben und nicht einfach auf den geilen Zug der grenzenlosen Freiheit aufspringen. Etwas Demut statt der Arroganz, mit der wir der ganzen Welt erklären, dass wir auf dem richtigen, die anderen auf dem Holzweg sind. So entsteht nie ein wahrer Dialog. Wenn beide Seiten überzeugt sind, die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben, so entstehen höchstens Kriege und manchmal beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass der Mensch keine Ruhe hat, bis endlich wieder mal Krieg ist.

Ist der Mensch vielleicht weder gut noch böse, sondern einfach ein abverheiter Armleuchter? Eine Mutations-Sackgasse? Oder das Werk eines etwas dilettantischen Schöpfers, der sich aus dem Staub gemacht hat, angesichts seines elenden Gesellenstücks? Ich will es nicht glauben ...

Dass wir uns richtig verstehen, ich liebe meine Freiheiten. Ich denke, dass ich als Komiker in gewissen Ländern nur etwa 1,48 Meter gross wäre. Hier bei uns bin ich 1,78 (mit Kopf).

Aber es gibt durchaus Freiheiten, auf die ich gerne verzichten würde. Die sogenannte «Freiheit», meine Krankenkasse, Autoversicherung, meinen Telefonanbieter, etc. frei zu wählen. Die kann mir gestohlen bleiben. Sie hat mir nichts gebracht, nur den Frust, jedes Jahr im Nachhinein wieder feststellen zu müssen: Es hätte noch eine billigere Kasse gegeben!

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