Kolumne

Es braucht wieder Empörung

Die Ecopop-Initiative ruft bei Alex Capus Empörung hervor.

Die Ecopop-Initiative ruft bei Alex Capus Empörung hervor.

Der Schriftsteller Alex Capus ist mehr als verwundert über den Inhalt seines Briefkastens.

Wenn ich von Reisen zurückkehre, liegt ein Stapel Zeitungen auf dem Küchentisch. Die blättere ich dann durch. Der Gewöhnung entwöhnt, staune ich über die Eigenheiten unseres Landes ein bisschen wie ein Fremder, dem der Blick aufs grosse Ganze noch nicht durch Einzelheiten verstellt ist. Anlass zum Staunen bietet dieser Herbst mehr als genug.

Wie? Worüber stimmt das Schweizervolk ab? Über die Frage, ob die Schweiz den Afrikanern Präservative verteilen soll, damit die sich weniger fortpflanzen und nicht mehr so zahlreich zu uns kommen? Das ist jetzt aber ein Witz, oder? Das kann doch nicht ernst gemeint sein! Dass ein derart fremdenfeindlicher und rassistischer Quatsch über Monate den öffentlichen Diskurs beherrscht, finde ich schon erstaunlich.

Selbstverständlich gehört es sich für ein liberales und demokratisches Staatswesen, dass auch abstruse Ideen wie die Ecopop-Initiative öffentlich diskutiert werden. Aber man hätte doch gehofft, dass sie wegen ihres geradezu kabarettistisch überdrehten Rassismus sofort als Unfug erkannt und ad acta gelegt worden wäre. Stattdessen diskutieren wir ganz ernsthaft seit Monaten über Dichtestress in der S-Bahn und die Frage, ob es wirklich zielführend sei, wenn wir Schweizer den Negern in Afrika Pariser verteilen.

Ich gestehe: Das fasse ich nicht.

Das Geschwätz von fremden Richtern ist gefährlicher Unfug

Und während man noch hofft, dass diese unwürdige Posse am 30. November glimpflich vorüber gehen möge, steht uns schon die nächste bevor. Eine Bundesratspartei will per Volksinitiative erreichen, dass die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonvention aufkündigt. Echt jetzt? Ist das wirklich wahr und ernst gemeint? Soll die Schweiz die Menschenrechte und die Grundfreiheiten nicht mehr garantieren? Zur Erinnerung: Die EMRK schreibt Meinungs- und Versammlungsfreiheit fest. Sie verbietet Folter und Diskriminierung. Sie garantiert Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Und schützt das Familien- und Privatleben.

Ich meine: Jeder Schweizer Citoyen muss instinktiv spüren, dass dieses ungeheuerliche Vorhaben die Grundfesten nicht nur Europas, sondern insbesondere auch unseres Staatswesens angreift. Das Geschwätz von fremden Richtern ist gefährlicher Unfug. Ich meine, dass sich eine ernsthafte Diskussion darüber erübrigt und eigentlich gar nicht möglich ist, weil die Initianten keine rationalen Argumente haben. Oder muss man wirklich daran erinnern, dass die EMRK auf Winston Churchills berühmte Zürcher Rede vom 19. September 1946 zurück geht, als Europa seinen Bewohnern nach der grössten Schlächterei der Menschheitsgeschichte ein Leben in Freiheit und Würde garantieren wollte? Und dies seit nun bald 70 Jahren sehr erfolgreich tut? Dieses Abkommen soll die Schweiz nach Ansicht der SVP nun also aufkündigen. Im Ernst? Wer sind wir denn, dass wir uns angeblich so schwer tun mit den Menschenrechten: Nordkorea? Saudi-Arabien?

Ich gestehe: Das fasse ich nicht.

Da droht einer der Landesregierung Prügel an – und niemand regt sich auf

Und dann noch dies: An einer öffentlichen Veranstaltung zur Ecopop-Initiative verkündet ein demokratisch gewählter und abgewählter alt Bundesrat fäusteschüttelnd, die heute amtierenden Bundesräte verdienten «ais a d Schnure», diese «Sieche». Das ist kein Schulbub und auch kein besoffener Fuhrknecht, der so spricht, sondern ein altgedienter Nationalrat und Minister, einflussreicher Unternehmer und Oberst der Schweizer Armee. Ich behaupte: Solcher Unflat ist zutiefst unschweizerisch. Vor zwanzig Jahren noch wäre einer, der sich derart aufführte, in diesem Land als öffentliche Person für alle Zeit erledigt gewesen. Als Autopartei-Nationalrat Michael Dreher 1988 sagte, man müsste «Linke und Grüne an die Wand nageln und dann mit dem Flammenwerfer drüber», war er für den Rest seiner Karriere kompromittiert.

Heute aber kann man das anscheinend machen. Da kann einer öffentlich unserer demokratisch gewählten Landesregierung Prügel androhen – und niemand regt sich auf. Die eine oder andere Zeitung mokiert sich zwar über die hemdsärmelige Art des selbst ernannten Volkstribuns – aber wirklich aufregen tut sich niemand. Kaum jemand sieht eine Gefahr darin, wenn eine autoritäre Führerfigur Demokraten mit Gewalt droht. Das ist das Schockierendste: dass wir uns an den Unflat gewöhnt haben. Das muss aufhören. Wir müssen uns wieder empören.

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