Diesen Sommer habe ich Luxus-Ferien gemacht. In der Schweiz. Aber bitte, mit Luxus meine ich nicht die Preise. In dieses Gejammer will ich nicht einstimmen. Wir verdienen dreimal so viel wie die Italiener oder die Franzosen, also zahlen wir auch etwas mehr bei uns. So einfach ist das. Mein Schwager aus Frankreich staunte Berge, als er am Radio hörte, dass die Armutsgrenze in der Schweiz knapp über viertausend Franken liegt. «Ich will sofort arm sein bei euch. Meine Kollegen verdienen nicht mal 2000.» 

Nein, wenn ich Luxus schreibe, meine ich Ruhe und nochmals Ruhe, gute Luft, Naturerlebnisse, und in diesem heissen Sommer ein kühles Lüftchen. Habe ich alles gefunden. Vor allem in den Bergen. Und mich immer amüsiert, wenn einer gerade aus Spanien, Griechenland oder Kroatien zurückkam und über die Hitze stöhnte oder erzählte, wie sein Hotelzimmer ausgeraubt wurde. Aber zuerst die Bad News. Nur eins ärgerte mich bei uns: die Wetterprognosen.

Ich verbrachte etwa zwanzig Tage mit Wandern in den Alpen und im Jura. Praktisch jeden Tag war ich mit meinen Kameraden bei Sonnenwetter relativ einsam auf den gut ausgeschilderten Bergwanderwegen unterwegs. Und zwar vor allem, weil alle Wetterdienste auf dem iPhone für die Gegenden, wo ich mich aufhielt, dauernd Gewitter ankündigten. Meistens ab 13 Uhr, oft erst gegen den Abend. Das Wettersymbol für den ganzen Tag blieb eine Wolke mit Blitz. Nur einmal, letzten Donnerstag, und einmal im Juli kam das Gewitter tatsächlich, aber ich brauchte meinen Regenschutz nicht, es kam erst, als wir wieder im Hotel waren.

Was wohl negative Prognosen den Tourismus kosten?

Seit ich mich nicht mehr auf die Wetterprognosen verlasse und einfach losfahre, wenn ich Lust auf Berge habe und natürlich immer ausgerüstet bin mit Wollzeug und solidem Regenschutz, werde ich fast nie mehr enttäuscht. Aber der Städter ohne Bergerfahrung, der Amateur aus dem Ausland nimmt die Prognose ernst. Wenn er eine Wolke mit Blitz sieht, fährt er gar nicht erst los. Was diese negativen Prognosen, die sich meist in Luft auflösen, den Schweizer Tourismus kosten, sollte mal ausgerechnet werden.

Die Good News heisst: Nirgends war es während der Hitzewelle schöner als in den Schweizer Bergen. Bei mir begann der Sommer im Hasliberg, oberhalb von Meiringen im Berner Oberland, im Winter ein erstklassiges Skigebiet, einfach ohne mondänen Jetset, und im Sommer ein Wandergebiet mit dem Vorteil, dass man nach anderthalb Stunden sicher zu einem netten Bergbeizli kommt, bergab zur Schonung der Knie eine Gondelbahn benützen und im sympathischen Dorf Meiringen in einem Hotel übernachten kann, das für seine Küche Gault-Millau-Punkte verdient (Victoria).

Mein Lieblingsferienort? Das Vallée de Joux, dieses Mini-Engadin

Der gastronomische Höhepunkt meiner Spaziergänge im Haslital war allerdings der Salatteller im Jugendstil-Berghotel Rosenlaui, eine einmalig schön präsentierte und gut abgestimmte Komposition aus Früchten und Salaten in einer romantischen Umgebung. Und das eindrücklichste Landschaftserlebnis war einmal mehr der Aletschgletscher mit dem Aletschwald, von der Unesco als Welterbe geadelt, für uns Schweizer die Möglichkeit, den Blick für grössere Zusammenhänge zu schärfen: Alles ist erhaben und fast endlos. Aber mein liebster Ferienort, wo ich im Winter stundenlang einsam langlaufen und im Sommer nach Morcheln und den Spuren von Luchs und Wolf suchen kann, bleibt natürlich das Vallée de Joux, dieses Mini-Engadin auf 1000 Metern über Meer, mit drei Pässen, zwei Seen und dem grössten zusammenhängenden Wald (Le Risoux) des Landes, wo es trotz Hitzewelle nachts rechts frisch wird.

Unter meinem Duvet konnte ich entspannt von fernen Ländern träumen. Zum Beispiel von Venedig, weil ich gerade die faszinierende Geschichte der Lagunenstadt lese. Und mich beim Aufwachen immer wieder frage, ob es wohl noch einen richtigen Zeitpunkt gibt, um dorthin zu reisen, ohne vom Einkaufszentrumskoller heimgesucht zu werden (zu viele Leute, zu viel Stress, zu viel Konsum, zu wenig Ruhe). Vielleicht im Winter? Vorläufig konzentriere ich mich auf die luxuriöseste Variante: coole Sommerferien in der Schweiz. In die Ferne schweifen nur mit Buch und Traum. Eine äusserst günstige Variante – nicht unbedingt fürs Portemonnaie, aber für die Seele und die Nerven.