Kolumne

Die Digitalisierung – eine Chance oder Bürde?

Die Welt ist verkabelt - die Digitalisierung schreitet voran (Symbolbild)

Die Welt ist verkabelt - die Digitalisierung schreitet voran (Symbolbild)

Die Welt dreht sich schneller, komplexer, unberechenbarer. Sich reines Wissen aneignen, dies reicht heute alleine nicht mehr. Wissen ist im Internet längst frei und jederzeit zugänglich. Die Kolumne von Susanne Wille über die Digitalisierung und eine ungewisse Zukunft.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, es ist der Vater mit seinem Kind: Goethes «Erlkönig». Gallia est omnis divisa in partes tres. Gaius Julius Caesar aus «De Bello Gallico».

Passagen wie diese haben sich bei mir eingebrannt. Auswendiglernen gehörte zum Lernstoff. Damals, als ich zur Schule ging. Wissen speichern, abrufen, rezitieren. Eselsbrücken halfen, sich Geschichtsdaten zu merken. 753 Rom schlüpft aus dem Ei. 476 und mit Rom war es ex.

Solche Sätze wecken Erinnerungen an eine glückliche Schulzeit, führen mir aber gleichzeitig auch vor Augen, wie radikal sich die Welt verändert hat.

Sich reines Wissen aneignen, dies reicht heute alleine nicht mehr. Wissen ist im Internet längst frei und jederzeit zugänglich.

Kommt hinzu, dass sich die Welt schneller dreht, komplexer, unberechenbarer ist denn je. Infolgedessen ist heute vielmehr kritisches Denken gefragt. Nachhaken nach Hintergründen, Teamarbeit. Die Digitalisierung stellt vieles auf den Kopf. Das hat auch Einfluss auf die Bildung. Nicht umsonst sagt man beispielsweise, Programmieren sei das neue Latein. So weit würde ich nicht gehen. Aber ich bin überzeugt, dass die Jungen heute anders und anderes lernen müssen, damit sie in einer ungewissen digitalisierten Zukunft bestehen können.

Wenn Berufe verschwinden,
kommen neue

Es gibt die bekannte, wenn auch nicht ganz unumstrittene Studie der Uni Oxford, die besagt, dass bis in 20 Jahren jeder zweite Job in den USA verschwinden wird. In der Schweiz seien mehrere hunderttausend Arbeitsplätze betroffen, heisst es.

Auch wenn die Zahlen stark spekulativen Charakter haben, steckt Sprengkraft in dieser Entwicklung.

Wen trifft es? Hat der Mittelstand das Nachsehen? Müsste man heute schon bei der Berufswahl darauf achten?

Als Trostpflaster wird in diesem Zusammenhang oft Schumpeters Konzept der schöpferischen Kraft der Zerstörung als historische Konstante zitiert. Wenn Berufe verschwinden, kommen neue. Dies sei eine Chance für flexible Menschen. 

Der Fantasie scheinen hier keine Grenzen gesetzt. Der Roboterberater hilft der Kundschaft, die passende Haushaltshilfe zu finden. Der Simplizitäts-Experte hilft den Verwirrten im Technik-Dschungel, den Durchblick zu wahren. 

Der Nostalgologe kümmert sich um ältere Menschen, die mit den modernen Tech-Anforderungen hadern. Er richtet für sie zu Hause Lebensräume im Stil des Lieblingszeitalters ein.

Auch Drohnen-Piloten, Bitcoin Banker, Social-Media- Bestatter sind keine Schlagwörter aus einem Science-Fiction-Roman.

Die sogenannt disruptive Kraft von neuen Modellen in einer digitalisierten Welt zeigt sich schon jetzt beim Taxidienst Uber, beim Wohnungsvermittler Airbnb und anderen vom Internet getriebenen Ideen.

59 Millionen Kinder weltweit haben keinen Zugang zur Primarschule

All dies unterstreicht, wie tiefgreifend Algorithmen, Binärcodes oder Big Data unseren Alltag erobern und so auch die Bildungs-Institutionen gefordert sind.

Doch mich beschäftigt noch ein anderer Gedanke. Während wir damit rechnen, dass sich ein Teil unserer Jobs auflösen oder verändern wird, haben schon jetzt viele junge Menschen gar keinen Job.

In einer OECD-Studie ist die Rede von aktuell 39 Millionen Arbeitslosen zwischen 16 und 29 Jahren. Man stelle sich diese Zahl mal vor. Probleme sehe ich auch im Bildungsgraben. Während ein Teil der Welt in die Bildung investiert und sich Gedanken macht, wie der Digitalisierung in der Ausbildung Rechnung zu tragen ist, haben laut UNO 59 Millionen Kinder weltweit nicht einmal Zugang zur Primarschule.

Während in den USA Sommerlager mit Programmierkursen Aufwind haben, werden weltweit 39 Millionen junge Frauen daran gehindert, zur Schule zu gehen, obwohl sie noch sollten. Gordon Brown, britischer Ex-Premier und heute UNO-Gesandter für Bildungsfragen, macht gerne folgende Rechnung: Die reichen Länder geben für die Ausbildung eines Kindes bis es 16-jährig ist 100 000 Dollar aus.

Im südlichen Afrika ganze 600 Dollar, verteilt auf 4 Jahre. Länger geht ein Kind einer armen Familie nämlich nicht zur Schule. Ob diese Zahlen ganz präzise sind, ist schwer zu überprüfen. Aber lassen wir die Zahlen vorerst beiseite. 

Klar ist: Die Welt verschmilzt, rückt näher zusammen. Die Digitalisierung verändert
und vernetzt sie. Gleichzeitig driftet die Welt auseinander.

Denn von den Errungenschaften der Digitalisierung profitieren nicht alle gleich stark. Und dieses Problem kann kein Roboter lösen.

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