Im 15. Jahrhundert entstanden in Antwerpen, Brügge und Amsterdam die ersten Börsen. Die bekannte Kaufmannsfamilie Van der Beurse handelte zu regelmässigen Zeiten mit Wechseln, die in Lederbeuteln – sogenannten Bursa – aufbewahrt wurden. Händler aus aller Welt boten ihre Waren feil und verkauften Kontingente.

Es muss schon damals ein riesiges Gebrüll gewesen sein. Bis in die 1990er-Jahre war das auf dem modernen Börsenparkett nicht anders. Zwar sassen die Trader inzwischen vor modernen Bildschirmen, auf denen die Aktienkurse angezeigt wurden.

Doch noch immer wurde wild gebrüllt und gestikuliert. In den letzten Jahren jedoch hat sich eine stille Revolution am Aktienmarkt vollzogen: Algorithmen, sogenannte Algo-Trader, führen heute in Sekundenschnelle Transaktionen aus.

Hochfrequenzhändler an den Terminbörsen nutzen inzwischen sogar Lasertechnik aus dem Militär, um Informationen noch schneller von A nach B zu jagen. Die Welt befindet sich in einem Geschwindigkeitsrausch.

Das Wesen der Informationsökonomie ist, dass alles immer börsenähnlicher wird. Soziale Netzwerke bewerten uns wie Ratingagenturen, verteilen Bestnoten, stufen die (soziale) Bonität herab.

Es gibt heute für alles einen Score. Krankenkassen wie beispielsweise die Berliner AOK Nordost errechnen auf Grundlage verschiedener Daten einen «Health Score», einen Gesundheitsindex, der einen Wert von 0 (schlecht) bis 1000 (hervorragend) erreicht und in Abhängigkeit von Aktivitäten wie Joggen steigt.

Andere Versicherungen werten aus, wie wir mit dem Auto unterwegs sind, und kalkulieren auf dieser Basis unsere Policen (etwa Telematik-Tarife). Und Start-up-Banken berechnen mithilfe einer Social-Media-Analyse das Kreditausfallrisiko ihrer Kunden (das nennt man dann Credit Score).

Wer viel auf Facebook surft, zahlt drauf. Wir werden heute nicht mehr in Worten, sondern in mathematischen Formeln erzählt. Chinas Staatsführung hat kürzlich ein Bewertungssystem eingeführt, bei dem jeder Bürger einen Score von 350 bis 950 erhält, der sich nach der Kreditwürdigkeit und politischen Meinung richtet. Oder die Quantified-Self-Bewegung misst stündlich ihren Blutdruck, Schrittzahl und Herzfrequenz. Sie betrachten ihren Körper als eine Aktie, die jeden Tag neu bewertet wird und verkauft werden kann.

Es scheint einen kulturellen Wandel zu geben, dass die Leute die Erwartungshaltung, die sie aus der Internetökonomie gewohnt sind, auf das politische System projizieren. Die politischen Entscheidungsträger sollen liefern, und zwar schnell – so wie Zalando-Schuhe.

Die Popularitätswerte von Politikern werden pro Woche ermittelt und wie Aktienkurse bewertet. «Ihre Aktien stehen schlecht», heisst es, wenn Angela Merkels Popularitätswerte erneut gesunken sind.

Andere Parteien stehen dagegen «hoch im Kurs». Es scheint, als zähle nicht mehr der Wählerwille, sondern die Nachfrage nach einem bestimmten Gut, etwa Populismus. Das erklärt auch, warum manche Themen in den Medien plötzlich «Hochkonjunktur» haben.

In seinem Buch «Terror and Consent» beschreibt Philip Bobbitt einen Staat, der nicht mehr auf Wahlentscheidungen, sondern nur noch auf sich wandelnde Konsumentenwünsche reagiert. «Der Informationsmarkt-Staat», schreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch «Ego – Spiel des Lebens», «muss permanent Voraussagen über alle Szenarien einer möglichen Zukunft treffen, um Bedrohungen vorauszusagen und auszuschliessen. Er ist eine Risikoeinpreisungsmaschine und damit genau das, was ein moderner Aktienmarkt ist.»

In den USA gibt es mittlerweile tatsächlich einen Online-Aktienmarkt für Politik. Auf der Plattform PredictIt («Sag es voraus») können Aktionäre Optionsgeschäfte, sogenannte Futures, auf zukünftige Ereignisse abschliessen. Denkt man, dass Hilary Clinton eine 70-prozentige Chance hat, US-Präsidentin zu werden, kauft man eine Option für 70 Dollar und bekommt 100 Dollar ausbezahlt, wenn sie gewählt wird. Es ist eine Wette auf die Zukunft.

Gleichwohl: Der Rechtsstaat kann und darf nicht spekulieren. Das würde seine Legitimität untergraben. Die Demokratie muss das Gemeinwohl und nicht den Profit im Blick haben. Deshalb braucht sie Rückzugsräume, in denen die handelnden Akteure jenseits vom Druck der Märkte reflektieren und entscheiden können. Sonst kommt es tatsächlich zu einem «Kurssturz des Republikanischen», wie Schirrmacher dunkel-düster konstatierte – und dazu, dass die Demokratie von den Rating-Agenturen auf «Ramschstatus» herabgestuft wird.

*Adrian Lobe ist freier Journalist, studierte in Tübingen, Paris und Heidelberg Politik-und Rechtswissenschaft und arbeitet für verschiedene Zeitungen im deutschsprachigen Raum.