Vor kurzem wurde ich vom «Tages-Anzeiger» im Rahmen einer Serie gebeten, dem Publikum eine Frage zu stellen – ein Rollentausch. Für einmal sollte nicht ich der Autor sein, sondern die Leserinnen und Leser sollten sich äussern und Antworten liefern. Die Frage sollte kurz sein und zum Nachdenken anregen. Nach einem Brainstorming im Avenir-Suisse-Team entschied ich mich für die Idee eines unserer jüngsten Mitarbeiter: «Was war zuerst – der Markt oder der Staat?». Unter den Antworten dominierten, kaum überraschend, jene, die nur schon die Frage als unsinnig, ja unzulässig empfanden und gegen den Neoliberalismus, der darin zum Ausdruck komme, geiferten. Es gab aber auch sachliche Beiträge, wohlwollende wie kritische. In Letzteren erstaunten mich zwei Gedanken besonders, nicht, weil sie mir fremd wären, sondern weil sie sich hartnäckig halten.

Tausch und Geld entstanden von unten und wurden nicht verordnet

In mehreren Antworten schimmerte eine Verwechslung von Markt und Marktwirtschaft durch. Die Marktwirtschaft ist tatsächlich in dem Sinne eine staatliche Veranstaltung, als sie ein ganzes Geflecht von Beziehungen umfasst. Allein in einem kleinen Land wie der Schweiz sind es Millionen von Konsumenten und hunderttausende von Unternehmen, dazu kommen globale Aussenbeziehungen. Das ist eingebettet in Rahmenbedingungen: Sitten und Gebräuche, aber auch die Rechtsordnung, das Steuerregime, die Justiz. Unterfüttert wird dieses Geflecht durch eine vor allem staatlich getragene Infrastruktur. «Markt» hingegen meint etwas Einfacheres, meint das Gesetz von Angebot und Nachfrage, meint Tausch und Arbeitsteilung, unabhängig von Stammeshäuptlingen, Königen oder modernen Verfassungsstaaten. Das ist, für Erwachsene wie Kinder, gefühlvoll dargelegt in einem Büchlein von Marie Winn mit dem Titel «Was gibst Du mir für meinen Fisch?», 1970 beim Otto Maier Verlag, Ravensburg, erschienen und 2014 von der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft neu aufgelegt. Darin wird gezeigt, wie Tausch und Geld spontan von unten entstanden sind und nicht von oben verordnet wurden. Dass das heute nicht mehr allgemein bewusst ist, ist verständlich. Deshalb kann man es nicht genug in Erinnerung rufen.

Unverständlich ist hingegen die in den Reaktionen auftauchende Gegenüberstellung eines humanen Staates und eines inhumanen Marktes. Dass die Menschen ihr politisches Zusammenleben mittels eines Staates regeln, scheint vernünftig. Aber in der Menschheitsgeschichte bilden humane Regime die Ausnahme. Die Regel sind hässliche Gesichter des Staates, Unrechtsregime, Diktaturen und Feudalherrschaften, sowie die Kriege, die von Staaten geführt wurden und werden. Das Volk als wirklicher Souverän – das gilt für ein Promille der Weltbevölkerung. Überall sonst bedeutet der Staat dagegen vor allem Hierarchie, Autorität und Führung. Er ist nicht, wie es in einer Zuschrift hiess, eine moderne Ausprägung der Familie, sondern jene Instanz, die Gesetze erlässt und mittels Gewaltmonopol durchsetzt. Diese Instanz wird von relativ wenigen Menschen gebildet, die ihre Macht einer Wahl, der Erbfolge oder einer Usurpation verdanken. Nichts spricht dafür, dass sie weiser sind und weniger ihr Selbstinteresse verfolgen als ihre Mitmenschen.

Nicht nur der Staat, auch der Markt ist Menschenwerk

Auch der Markt ist kein handelndes und entscheidendes Wesen. Es ist das Zusammenwirken vieler Menschen, das die Marktergebnisse hervorbringt, hohe oder tiefe Preise, das Bemühen um innovative Lösungen oder die Bedienung neuer Bedürfnisse. Ähnliches gilt für den «Willen» der Unternehmen. Er ist ebenfalls ein Kondensat der Interessen von Eigentümern, Managern, Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Hinter allem, was auf Märkten geschieht, stehen keine dunkeln Mächte, sondern Menschen, gute und schlechte, die gleichen, die in der Demokratie als Wähler die Regierung bestimmen. Es gibt keinen Grund, warum Menschen im politischen System edler oder klüger handeln sollten als im Marktsystem.

In der Politik erfolgt die Koordination der unterschiedlichen Interessen über Wahlen und Abstimmungen (wo Mehrheiten bestimmen), auf dem Markt über Preise (was Minderheiten Raum lässt), aber die Menschen sind hier wie dort nicht grundsätzlich verschieden. Deshalb gilt: Wer den Marktergebnissen misstraut, sollte sein Heil trotzdem nicht im Staat suchen, er wird dort keine «besseren» Menschen finden.

* Der promovierte Ökonom ist seit 2010 Direktor der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Zuvor war er ab 1981 Mitglied der Wirtschaftsredaktion der «Neuen Zürcher Zeitung», ab 1994 leitete er sie, ab 2008 war er zusätzlichen stellvertretender Chefredaktor. Schwarz ist Verfasser zahlreicher Bücher und Träger mehrerer Preise.