Die Zeit von Auffahrt zu Pfingsten erinnert mich stets so anschaulich, wie es war, als das Leben noch eine Vertikale hatte, als unser Theater eingeordnet war in ein kosmisches Drama zwischen Himmel und Hölle, als Auffahrt und Pfingsten nicht nur tolle Feiertage waren, sondern göttliche Ereignisse: Himmelfahrt und Geistesbrausen.

Manche haben davon die Nase voll, ich weiss. Ich will den Himmel auch gar nicht wieder bevölkern, jedenfalls nicht heute. Mir fällt bloss auf: Seit die Himmel leer sind (oder vakant), werden ein paar Dinge im Leben auch komplizierter. Zum Beispiel das Alter. Einst war das Alter das Relais zum Jenseits. Alte hatten ihre Würde und Unangreifbarkeit, nicht weil sie augenfällig weise waren, sondern weil sie absehbar ins Reich der Ahnen wechselten, und dort waren sie dann klar in der Überzahl, also in der Übermacht. Das Reich der Alten, der Toten, der Ahnen, der Heiligen & Seligen, kurz, das Jenseits: das relativierte das Reich der aktiv Lebenden, es gab den Nachrückenden eine zeitlose Instanz, es setzte das Personal im Welttheater unter Beobachtung von oben, das war lästig, mässigte jedoch manche Allmachtsambition auf der irdischen Bühne – auch gegenüber den Alten, die zwar nicht mehr gross zählen, mit denen man es jedoch nicht verderben wollte, weil man ihren Zorn aus dem Jenseits fürchtete.

Wie schaffen wir es, in Würde alt zu werden?

Wie läuft das heute, wo das Leben keinen doppelten Boden mehr haben mag? Während weltweit der religiöse Glaube wächst, dominiert hier die Ansicht, der Mensch fuhrwerke besser, wenn er sich ganz auf sich verlasse. Okay, aber was heisst das für uns Alte? Die Alten sind zahlreicher denn je, stets länger, doch wozu eigentlich? Um sich selber noch über möglichst viele Runden zu bringen? Um sich zu erholen von den Strapazen des mittleren Alters? Um Erlebnisse zu ernten, die bisher nicht zu pflücken waren? Kann man alles so sehen. Aber hat darin das Alter seine eigene Würde – oder bloss seine irdische Aufenthaltsverlängerung? Die Jungen, die aktuellste Ausgabe der Menschheit, machen sich daran, die Welt nach ihrer Vista in Griff zu kriegen. Die mittlere Generation hat vollauf zu tun, das Leben zu erhalten, zu mehren, zu optimieren etc. Hat auch das Alter so etwas, oder ist es bloss noch da, abgetreten von der Hauptbühne, als Konsumkraft weiter eine Macht, im übrigen Pensionär, sonst nichts? Wie schaffen wir es, in Würde alt zu werden? Ich rede von Würde, nicht von Lebensqualität. Prima, dass es uns Alten besser geht denn je, als überall. Aber sind wir auch jemand? Spielen wir eine achtenswerte Rolle – diesseits von Finanzsicherheit, Wellness, Kreuzfahrten? Drei Varianten:

Nichts macht so glücklich, wie gebraucht zu werden

Zunächst ist da das Glück des dritten Alters, ab 60, bis etwa gegen 80. Ein Primeur der Menschheitsgeschichte. Da können wir erreichen, was wir von jung an wünschten, was uns das Arbeitsleben versagte: die regelrechte Freiheit, wir müssen nichts, wir können noch fast alles, durch Welten streifen, uns kulturell in Form bringen, über die Konzentration der Langeweile staunen. Dieses Alter muss keine Zeit des Abschieds sein, sie kann, mit etwas Glück und Geschick, zu einer Zeit des unentfremdeten Lebens werden.

Sodann ist da die Chance, nicht nur das Erlebniskonto zu bereichern, sondern weiter anzupacken. Nicht nur das eigene Pensionsleben über möglichst viele Zusatzrunden zu bringen, sondern sich nützlich zu machen für andere: als freiwilliger Leiter der Spital-Bibliothek, als Mentorin für Immigrations-Kids, als Spezialist in Entwicklungsländern etc. Wird künftig die Regel sein. Weil nichts so glücklich macht wie gebraucht zu werden. Weil die Vorstellung, dreissig Jahre auszuruhen, eher überirdisch ist. Weil der Generationen-Vertrag sonst bricht.

Schliesslich, wenn wir das alles nicht mehr leisten, gibt es die Lizenz zu vertrotteln. Wenn ich zu nichts mehr tauge, will ich auch nicht so tun als ob, dann spiele ich nicht mehr mit, dann spiele ich mein eigenes Spiel, ich lache über Disziplin und Leistungszwang, ich habe ja keinen Zweck mehr, jetzt bin ich Selbstzweck, ganz Mensch, ein Komödiant im Irrgarten des menschlichen Vernunfttheaters.

Vielleicht regt sich dann wieder der alte Wunsch nach Himmelfahrt.