Analyse

Der Arabische Frühling bringt Chaos, Krieg und Finsternis

Arabischer Frühling: Massenproteste in Tunis im Januar 2011 gegen den später gestürzten tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali (Archiv).

Arabischer Frühling: Massenproteste in Tunis im Januar 2011 gegen den später gestürzten tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali (Archiv).

Vor genau fünf Jahren begann die Arabische Revolution. Dieser Aufstand ist nicht vom Westen gesteuert. Sondern ist ein Volksaufstand gegen Willkür und Verelendung. Und noch heute ist kein Ende des Bürgerkrieges in Sicht.

Es war kein «vom Westen gesteuerter Coup», wie der syrische Diktator al-Assad, der neue ägyptische Machthaber al-Sisi, das Regime in Teheran, Erdogan in Ankara und andere reaktionäre Machthaber behaupten.

Es war ein Volksaufstand nach Jahrzehnten der Willkür, der Korruption, der Verelendung. Was nur im besagten «Westen» alsbald als «Arabischer Frühling» gehandelt wurde, begann vor exakt fünf Jahren in der tunesischen Stadt Sidi Bouzid.

Am 17. Dezember 2010 zündete sich dort der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi an, verzweifelt darüber, dass seine Waage und seine Ware willkürlich konfisziert worden waren und er so die Grundlage seiner bescheidenen Existenz verlor.

Bouazizis Suizid wirkte wie ein Fanal: Bald gingen Hunderttausende auf die Strassen, zuerst in Tunesien, dann in Ägypten, in Libyen, in Syrien, im Jemen, in Bahrain. Dass sich die Erhebung so rasch und so weit ausbreitete, war nicht nur dem aufgestauten Hass der Unterdrückten und Gedemütigten zuzuschreiben, der Arbeitslosigkeit, der geistigen Verödung und Verkrustung in vielen islamischen Ländern.

Entscheidend waren auch die sozialen Medien, derer sich die Aufständischen virtuos bedienten, während die Geheimdienste damit überfordert waren.

Die Regimes purzelten eines nach dem anderen

In Bahrain konnte ein Volksaufstand nur mithilfe einer saudi-arabischen Interventionstruppe niedergeschlagen werden. Versuchte Aufstände in den Königreichen Jordanien und Marokko mit ihren vergleichsweise (nur vergleichsweise!) «milden» Herrschern misslangen. Doch anderswo purzelten die Regimes eines nach dem andern: Ben Ali in Tunesien musste gehen, Mubarak in Ägypten wurde inhaftiert, Saleh aus dem Jemen vertrieben.

Der vielleicht brutalste, sicher aber schillerndste von allen, der Libyer Gaddafi, wurde mit Unterstützung der französischen Luftwaffe weggeputscht, später umgebracht. Nur Assad konnte trotz militärischer Intervention der USA zumindest Teile Syriens halten. Allerdings unter Einsatz ruchloser Härte: Ganze Landstriche wurden verwüstet, Hunderttausende Menschen kamen um; Millionen mussten fliehen.

Heute fragen sich viele junge Araber, ob sich der Einsatz gelohnt hat – die erduldeten Repressalien, der hohe Blutzoll. Denn nach fünf Jahren gibt es nur ein einziges halbwegs positives Resultat: In Tunesien, das zwischenzeitlich von einer islamistischen Regierung beinahe ins Mittelalter zurückgestossen worden wäre, könnte ein demokratisches Experiment gelingen. Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, hat eine massive Aufstockung der Militärhilfe angekündigt.

Das Land bräuchte ebenso dringend Wirtschaftshilfe, Investitionen, Devisen. Doch nach zwei blutigen Attentaten fanatischer Islamisten liegt der Tourismus darnieder, der Zehntausende beschäftigt und Milliarden ins Land gespült hat. Die Regierung ist entzweit und handlungsunfähig. Und auch die vier Tunesier, die vergangene Woche den Friedenobelpreis entgegennahmen für ihren Einsatz für die junge Demokratie, sind bereits zerstritten.

Ägyptens Militärmachthaber herrschen rigoroser als Mubarak

Anderswo herrscht statt des «Frühlings» tiefste Finsternis: Ägyptens neue Militärmachthaber, welche die Islamisten wegfegten, die zwischenzeitlich an die Macht gekommen waren, herrschen viel rigoroser als einst Mubarak. In Syrien macht sich die Terrororganisation des «Islamischen Staates» (IS) breit, die schon Teile des Irak beherrscht, während ein Ende des Bürgerkriegs nicht absehbar ist.

In Libyen wird sich dieser Tage entscheiden, ob sich zwei verfeindete Machtzentren in Tripoli und Tobruk doch noch zusammenraufen können. Ansonsten könnte auch dieses Land dem IS anheimfallen. Und im Jemen haben die schiitisch-fundamentalistischen Huthi-Rebellen die nach Salehs Sturz neu gewählte Regierung aus Sanaa vertrieben und Teile des Landes überrannt.

Jetzt wird der bitterarme Jemen von den reichen sunnitischen Ölmächten unter Führung Saudi-Arabiens zerbombt. Ob eine vorgestern in der Schweiz ausgehandelte Waffenruhe halten wird, ist offen.

Dass sich die Araber demnächst wieder erheben werden, ist unwahrscheinlich. Die Erfahrungen waren allzu schmerzhaft, die Ergebnisse zu schrecklich. Die Alternativen für jene jungen Araber, die trotzdem noch den Mut haben, Neues zu wagen, sind für uns in jedem Fall unerfreulich: Die einen schliessen sich als Dschihadisten dem IS an. Die andern nehmen den gefährlichen Weg ins gelobte Land Europa unter die Füsse.

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